11.12.2019 | zu Matthäus 17,20

Glaube versetzt Berge

Viele meinen, dass sie an Jesus glauben. Aber an Jesus glauben heißt, mich mit meinem ganzen Sein in seine annehmende und befreiende Liebe hineinnehmen zu lassen, sein Mit-uns-Sein einzuatmen bis in die Tiefen meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart und meiner Zukunft.

Dem Geflüchteten bleibt nur das Handy, um mit Kindern und Familie in der Heimat in Kontakt zu bleiben. 
Dem Geflüchteten bleibt nur das Handy, um mit Kindern und Familie in der Heimat in Kontakt zu bleiben.

Ich war in einem seelsorgerlichen Gespräch mit einer Dame in den Mittsechzigern, da kamen wir auf das Thema Geflüchtete zu sprechen. Ich wunderte mich darüber, dass diese Frau, obwohl sie in sozialen Berufen gearbeitet hatte, die häufig anzutreffenden Klischees kolportierte. Sie meinte, wenn sie im Bus Menschen aus Syrien oder anderen Kriegsländern sehen würde, dann hätten diese immer die schicksten Sachen an und würden das neueste Handy in der Hand halten. Das wäre doch ungerecht gegenüber unseren Hartz-IV-Empfängern, denen es viel schlechter ginge. Ich versuchte zu argumentieren, dass ein Handy für Menschen, die aus einem Kriegsland geflüchtet sind, das wichtigste Instrument wäre, um den Kontakt mit ihrer Familie in der Heimat aufrechtzuerhalten. Die Frau stimmte mir irgendwie zu, doch es war auch ein Beharren auf den Vorwürfen wahrzunehmen. 

So hakte ich nach und fragte, warum sie das denn so störte. Mit dem Verstand kommt man da manchmal nicht weiter, weil die Logik keine vernünftigen Gründe liefern kann. Aber das Empfinden, das Gefühl kennt oft andere Gründe, die dem Verstand unzugänglich bleiben. Ich bat sie, sich einmal vorzustellen, dass sie jetzt im Bus sitze, gegenüber eines Geflüchteten. Ich fragte sie, welche Gefühle in ihr aufkämen. Es brauchte ein bisschen Zeit, bis sie in der vorgestellten Situation ankam, dann äußerte sie einen Widerwillen gegenüber dem Geflüchteten. Nein, sie wollte da gar nicht genauer hinschauen. Ich fragte weiter, was denn für ein Gefühl zu spüren wäre in ihr, das diesen Widerwillen verursachte. Sie spürte weiter in sich hinein und konnte zunächst nichts klar benennen. Ich fragte weiter, ob sie nun einmal ganz bei sich bleiben wollte, um deutlicher zu spüren, was für ein Gefühl dahinter steckte. Wieder dauerte es eine Weile. Doch dann kam sie in Kontakt mit einer Erinnerung aus ihrer Kindheit. Ihr Vater hatte damals, als sie in die Grundschule ging, seine Arbeitsstelle verloren und die Familie musste sehr sparsam leben. Während ihre Freundinnen immer ein paar Groschen in der Tasche hatten, um sich etwas zu kaufen, hatte sie nichts. Sie kam sich in dieser Zeit so ärmlich und eben auch erbärmlich vor. Sie sagte sich damals: „Ich will nie wieder so erbärmlich sein.“

Als ihr klar wurde, dass dies die Ursache ihrer Abneigung gegenüber den Geflüchteten war, erstaunte und erschreckte sie das selber. Das hätte sie nie vermutet. Ja, es war im Grunde so, dass die Situation der Geflüchteten sie an ihre eigene Armseligkeit, die sie in der Kindheit hatte erleben müssen, erinnerte und das hatte den Widerwillen ausgelöst. Es hatte überhaupt nichts mit den Menschen aus Syrien und anderen Ländern zu tun, sie waren eben nur der Auslöser für eine Erinnerung, die sie am liebsten verdrängte, die aber durch die Begegnung an die Oberfläche kam. Anstatt dass ihr bewusst wurde, da ist ein Schmerz aus meiner Geschichte, der unbearbeitet geblieben ist, lehnte sie die Auslöserfiguren in der Außenwelt ab. 

Und ich denke, dass gerade dieses Thema der Fremdenfeindlichkeit, der Ausgrenzung von Geflüchteten und Hetze über Ausländer in den allermeisten Fällen damit zu tun hat, dass Menschen es vermeiden wollen, in Kontakt mit ihrer eigenen Hilflosigkeit und Armut zu kommen, dass es die Angst vor der eigenen Heimatlosigkeit ist, die sie dazu treibt, „Ausländer raus!“ zu schreien.

Durch die tiefere Beziehung zu mir und zu Gott im Glauben kann ich Ängste überwinden, die sich sonst wie Berge zwischen uns Menschen schieben. 
Durch die tiefere Beziehung zu mir und zu Gott im Glauben kann ich Ängste überwinden, die sich sonst wie Berge zwischen uns Menschen schieben.

Ich betete mit der Frau zu Jesus, woraufhin sie in der schmerzlichen Erinnerung aus der Vergangenheit Jesu Mit-Sein verspüren konnte und so von dem Gefühl der Erbärmlichkeit befreit wurde. Dann bat ich sie noch einmal in die vorgestellte Situation hinein: Im Bus, gegenüber eines Geflüchteten. Nach ein paar Augenblicken sagte sie: „Nein, jetzt empfinde ich keinen Widerwillen mehr. Ich empfinde Mitgefühl, ja ich fühle mit der Person mit.“

Jesus hat einmal gesagt, dass der Glaube Berge versetzen könne. Als Kind habe ich das auf magische Weise verstanden und versuchte mich darin, im Garten Blümchen allein durch Glaubenskraft von einer Seite des Weges auf die andere zu versetzen. Da das nicht sofort funktionierte, dachte ich mir, dass es halt ein bisschen Zeit brauchte. Ich kam also nach einer Weile wieder und hatte den Eindruck, dass tatsächlich das Gänseblümchen den Platz gewechselt hatte. Vermutlich war es aber bloß meine gelenkte Wahrnehmung, so dass ich sah, was ich sehen wollte. 

Aber jetzt erlebe ich, dass Jesus Recht hat: Tatsächlich kann der Glaube Berge versetzen. Wenn diese Frau von ihren Vorurteilen und ihrem Widerwillen gegenüber Geflüchteten befreit wurde, durch die Erfahrung, dass Jesus mit ihr in ihr eigenes Arm-Sein hineinstieg, dann sind dadurch Mauern der Ablehnung niedergerissen, dann sind dadurch Berge der Trennung aus dem Weg geräumt worden. Sie kann den Geflüchteten jetzt mit Mitgefühl begegnen, während sie sie zuvor abgelehnt und Vorurteile gegen sie gehegt hatte.

Es heißt, dass der Glaube Berge versetzen kann. Was für ein Glaube ist damit gemeint? Wahrscheinlich denken wir zuerst an etwas wie das Bekenntnis oder die Kirchenzugehörigkeit. Aber das ist letztlich nicht das Entscheidende. Es geht vor allem um Beziehung, um Herzens-Beziehung zu Gott. Es geht darum, dass ich mir seine allumfassende Liebe gefallen lasse und sie annehme für mein ganzes Sein. Nicht bloß auf intellektueller Ebene, sondern bis in die oft verborgenen Schichten meiner Geschichte, die mich prägen. 

„Jesus sprach: Amen, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.“ (Mt 17,20)

Pater Thomas Heck SVD