26.09.2019 | zu Jeremia 38,1-6

Freitagsstreiks für die Zukunft

Die Stimme der Wahrheit hat es oft nicht leicht, weil sie uns mit der unbequemen Wirklichkeit konfrontiert. Viel lieber verdrängen wir sie, verbleiben hartnäckig in unsrer Komfortzone und täuschen uns über die Wirklichkeit hinweg.

Ein tolles Plakat auf der Demo am 20. Sep. in München: “...denn sie tun nicht, was sie wissen“. 
Ein tolles Plakat auf der Demo am 20. Sep. in München: “...denn sie tun nicht, was sie wissen“.

Am 20. September 2019 gab es den inzwischen dritten globalen Klimastreik, zu dem sich in München und in fast allen größeren Städten Deutschlands wie auch der gesamten Welt Millionen von Menschen versammelt haben. Die Bewegung Fridays for Future gewinnt mehr und mehr an Gewicht. Und das braucht es auch, denn der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik ist so stark, dass bisher die größeren Veränderungen im Sinne von mehr Klimagerechtigkeit abgeblockt wurden.

Wissenschaftler haben schon in den 1980er Jahren damit begonnen, vor den Gefahren einer menschengemachten Klimaerwärmung und deren katastrophalen Folgen zu warnen. Mehr als 30 Jahre später müssen wir erkennen, dass die Politik offensichtlich viel zu abhängig ist von den großen Wirtschaftsunternehmen und Industriezweigen und diesen gegenüber Eingeständnisse gemacht hat, die wir alle mit den Auswirkungen bezahlen müssen, die teilweise jetzt schon spürbar werden. Aber auch die Politiker selbst machen sich viel zu abhängig von der Stimmung in der Bevölkerung und von Sympathiewerten, so dass sie sich davor fürchten, den wirklich notwendigen und unbequemen Richtungswechsel umzusetzen.

Deutschland war schon einmal Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Förderung erneuerbarer Energien, doch die Politik der vergangenen Dekade hat aus kurzsichtigen Rücksichten dem Zug die Fahrt genommen. Z.B. durch die Fortführung der immens-hohen Kohlesubventionen, während auf der anderen Seite die Solarförderung deutlich beschnitten wurde.

Ich bin wirklich zunehmend besorgt über unsere Welt und das Klima, das mehr und mehr aus der Balance gerät. Was ist bloß los mit dem homo sapiens, der sehenden Auges seinen eigenen Untergang hervorruft? Wie stark doch die Dynamik der Verdrängungsmechanismen wirkt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Der Mensch möchte in seiner Komfortzone verbleiben und erschafft sich dafür eine fiktive Wirklichkeit, an die er glaubt, um einfach so weiter zu machen wie bisher. Was wir im Kleinen kennen, nämlich dass wir gerne mal Unangenehmes ausblenden und uns lieber zu denen begeben, die uns Beifall schenken und belohnen, das zeigt sich nun in einem Maßstab und einer bedrohlichen Dimension, die fatale Folgen haben kann.

Ich bin wirklich froh, dass da eine 16-Jährige aufsteht und ihre Stimme erhebt, um all die schönen Worte der Politiker der Heuchelei und Schönrednerei zu überführen. Greta Thunberg saß zuerst alleine vor dem Stockholmer Reichstag, um für die Einhaltung der Klimaziele zu demonstrieren. Doch schon am zweiten Tag gesellten sich weitere Jugendliche zu ihr. Und die Dynamik breitet sich seither in die ganze Welt hinein aus. So viele Menschen lassen sich von dem Aufruf erreichen, weil auch ihnen die Erhaltung der Welt und der Schutz unseres Ökosystems wichtig ist, weil sie selber aber oft genug auch nicht wussten, wie sie es anpacken sollten. Dieses Mädchen aus Schweden hat den entscheidenden Auslöser für ein weltweites Aufwachen und Aufstehen gegeben.

Für mich ist dies die Geschichte einer modernen Prophetin. Wie viele Menschen auf der Welt haben sich wohl gefragt: „Was kann ich da schon tun?“ Natürlich, das eigene Verhalten ändern, mehr Radfahren statt Auto, Verzicht aufs Fliegen, das Haus wärmedämmen usw. Aber das reicht nicht. Es müssen auf der größeren Ebene radikale Entscheidungen getroffen werden, damit alle CO2-produzierenden Industrien und Bereiche dazu verpflichtet werden, klimaneutral zu agieren. „Was kann ich da tun?“ Eine Frage die viele zur Resignation verleitet. Greta jedoch hat diese Frage dazu geführt, wirklich etwas zu unternehmen. Sie hat nicht zuerst gefragt, was es bringt, wenn sie sich alleine vor das Parlament setzt und demonstriert. Sondern sie hat sich entschieden, etwas zu tun, was ihr ganz wichtig war. Und siehe, dieser kleine Akt wurde zum Auslöser für eine inzwischen weltweite Bewegung. Ich kann ihr nur gratulieren für den Mut, den sie bewiesen hat und den sie weiter beweist.

Die Energiewende ist möglich, wenn die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden und die Menschen entschieden handeln. 
Die Energiewende ist möglich, wenn die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden und die Menschen entschieden handeln.

Wenn ich sie im Fernsehen oder auch in Videos sehe, so bin ich erstaunt über ihre Entschiedenheit und ihren Mut, Dinge beim Namen zu nennen und den Politikern ins Gewissen zu reden. Sie sucht keine Aufmerksamkeit für sich selbst. Der entstandene Rummel ist ihr eher unangenehm. Ihr geht es einfach wirklich um die Sache und dass wir die Notbremse ziehen, anstatt uns weiter selbst zu betrügen und den Kindern von heute die Zukunft zu zerstören.

Mag sein, dass ihre Entschiedenheit und Klarheit mit der besonderen Ausprägung ihrer Persönlichkeit zu tun hat, die mit dem Titel „Asperger Syndrom“ als Krankheit definiert wird. Vielleicht liegt aber die Krankheit eher in unserem Normalsein. Wir behaupten ja selbstverständlich, normal zu sein, aber das führt uns ja gerade dahin, uns verantwortungslos in unserem Wohlstand zu pflegen, während der Planet zerstört und die Zukunft kommender Generationen aufs Spiel gesetzt wird. Dazu haben wir nicht das Recht, wie Greta nicht müde wird zu reklamieren.

Und weil ein Umsteuern empfindliche Veränderungen für unser weltweites Wirtschaften und unser Gesellschaftssystem nach sich zieht, aber auch Einschnitte für jeden persönlich bedeutet, weil wir uns dann nicht länger einfach in dem gepredigten ewig weiter wachsenden Produktions- und Konsumaufschwung zurücklehnen können, weckt das natürlich heftige Reaktionen und Proteste. Greta wird in den sozialen Medien mit vielen Hasskommentaren überzogen, allesamt unsachlich und persönlich angreifend. Mich überrascht, wie Greta darauf antwortet: „Wenn Hasser dich wegen deines Aussehens und deines Andersseins angreifen, bedeutet das, dass ihnen sonst nichts mehr bleibt. Und dann weißt du, dass du gewinnst!“. Das zeugt für mich von einer Weisheit, die ihre Kritiker - unter diesen sind auch Menschen mit Rang und Namen - deutlich vermissen lassen.

Ja, es geht in dieser Stunde unserer Menschheitsgeschichte darum, mehr Verantwortung zu übernehmen, den eigenen Horizont zu weiten und nicht nur das persönliche Wohlergehen im Blick zu haben, sondern auch das der Menschen, die dafür bluten müssen. Leichter, als das zu akzeptieren, scheint es zu sein, diejenigen, die die Wahrheit aussprechen, zu diskreditieren. Das war in der Menschheitsgeschichte schon immer so.

Wie viele Propheten sind bedroht, misshandelt, zum Schweigen gebracht oder schließlich getötet worden, weil ihre mahnenden Worte einfach lästig und unbequem waren. So z.B. der Prophet Jeremia, der zum ganzen Volk redete: „So spricht der HERR: Wer in dieser Stadt bleibt, der stirbt durch Schwert, Hunger und Pest. Wer aber zu den Gegnern hinausgeht, der wird überleben.“ Darauf sagten die Beamten zum König: Dieser Mann muss getötet werden, denn er lähmt die Hände der Krieger, die in dieser Stadt übrig geblieben sind, und die Hände des ganzen Volkes, wenn er solche Worte zu ihnen redet. Der König Zidkija erwiderte: Siehe, er ist in eurer Hand; denn der König vermag nichts gegen euch. Da ergriffen sie Jeremia und warfen ihn in die Zisterne des Königssohns Malkija, die sich im Wachhof befand. (Jer 38,1-6)

Pater Thomas Heck SVD