28.08.2019 | zu Matthäus 5,20

Geh deinen Weg!

Wie Tage der Stille mir neue Orientierung gaben. Über den Segen einer Unterbrechung des Alltags mit seinen vielen Beschäftigungen und Aufgaben.

Kreuz und Tabernakel in der Kapelle des Exerzitien-Hauses Werdenfels bei Regensburg. 
Kreuz und Tabernakel in der Kapelle des Exerzitien-Hauses Werdenfels bei Regensburg.

Ich habe mir einmal wieder Zeit genommen, Exerzitien zu machen. Wir Steyler Missionare haben es uns sogar zur Pflicht gemacht, dass wir uns mindestens fünf volle Tage im Jahr aus dem Alltag herausnehmen, um uns ganz bewusst unserer Beziehung zu Gott, zum Leben und zu uns selbst zu stellen. Ich finde es auch spannend, dass sich unser Gründer, Arnold Janssen, zu seiner Zeit sehr darum bemühte, Exerzitien für alle Gläubigen zugänglich zu machen; er bot sogenannte Volksexerzitien an.

Ich hatte mir dieses Mal „Exerzitien mit autobiographischem Schreiben“ ausgesucht. So ganz genau wusste ich nicht, was das ist, aber ich lasse mich gerne mal auf etwas Neues ein. Zehn TeilnehmerInnen waren zusammen gekommen. Nach der Hinführung am Abend gingen wir ins Schweigen für die gesamte Zeit. Ich saß in der Kapelle des Hauses, das sich ganz dem Einsiedler Nikolaus von Flüe verschrieben hat. Die Symbolik seines Meditationsbildes findet sich allenthalben und besonders in der Kapelle. Ich saß im stillen Gegenüber zum Tabernakel, der von unten mit roten Lampen beleuchtet wie ein brennender Dornbusch wirkt. Ansonsten war es dunkel in dem Raum, über den sich ein hohes Dach spannt. Fenster sind lediglich im Dach in zwei Bändern angelegt, entlang des Dreiecksgiebels und entlang des Firstes.

Ich genoss es, endlich einmal wieder nur Zeit für das Gespräch mit Gott zu haben, ohne dass ich an irgendwelche Aufgaben denken musste, die dann noch erledigt werden sollten. Exerzitien sind auch ein Geschenk zum Durchatmen und zur Neuorientierung. Während ich betete, kam das Grollen eines Gewitters allmählich näher. Durch die Fenster leuchtete es erst schwach, dann immer heller herein. Eine eindrucksvolle Stimmung: draußen tobte sich das Gewitter inzwischen direkt über dem Haus aus, doch ich fühlte mich sicher, denn ich spürte mich intensiv mit Gott verbunden. Ein Blitz jagte den nächsten. Für Bruchteile von Sekunden wurde die Kapelle immer wieder hell erleuchtet, um dann ins Dunkel zurückzufallen. Ich dachte mir am nächsten Morgen: Was für ein eindrucksvoller Start in meine Exerzitien!

Wir trafen uns am Morgen immer in der Gruppe, um noch einmal das Evangelium aus der Messe zu hören sowie einige Impulse dazu. Dann ging jeder an seinen Tisch und fing an, in sein Büchlein zu schreiben. Es sollte ein automatisches Schreiben sein. Also einfach Schreibutensil aufs Blatt setzen und anfangen zu notieren, was da kommt. Ohne groß nachzudenken, vor allem auch nicht zu filtern: Ist das sinnvoll? Darf ich das so schreiben? usw. Das taten wir etwa zehn Minuten lang. Danach wurden wir eingeladen, nachzulesen, was uns aus den Fingern geflossen war. Ein paar Aussagen, die uns berührten, sollten wir auswählen, um daraus dann ein kleines Gedicht zu formulieren, dessen Versmaß uns die Leiterin jeweils vorgab.

Das „automatische“ Schreiben gelang mir erst im Laufe der Übungen besser. Aber es war interessant, welche Gedichte daraus entstanden. In der abschließenden Runde am Morgen trugen wir sie uns gegenseitig vor. Erstaunlich auch wie unterschiedlich die Ergebnisse waren. 

Für mich waren die Exerzitien wieder einmal ganz wichtig. Manche Fragen oder Themen kann man einfach nicht im Alltag angehen, dafür sind sie zu groß und man ist ja doch eingespannt in Aufgaben und Verpflichtungen. Da kann eine Zeit der Exerzitien wirklich zum Segen werden. 

Mut, den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er in Gegenrichtung zu anderen verläuft. 
Mut, den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er in Gegenrichtung zu anderen verläuft.

Die Erfahrung, die ich in letzter Zeit und dann auch in diesen den Exerzitien machte, ist, dass Gott mich immer mehr zu einem erwachsenen Glauben führen möchte, dass er mich wirklich ernst nimmt und mir auf Augenhöhe begegnen möchte. Ich muss dafür immer wieder bereit sein, liebgewordene Ansichten und Überzeugungen loszulassen, ja, sie manchmal sogar bewusst zu zertrümmern, damit ich frei werde für Neues. Etwas Neues, das Gott mir schenken möchte. Das ist nicht leicht auszuhalten, weil es die Phase gibt, in der ich mich nicht auskenne. Das Alte passt nicht mehr, aber es ist auch noch nichts Neues greifbar. Erfahrungen von Leere, Verlorenheit, Sinnlosigkeit. Hie und da begegne ich dann Fragmenten von Gedanken in der Literatur, durch die Begegnung mit Menschen, durch eine Empfehlung eines Freundes, in vielem Beten und Fragen usw., die sich ganz allmählich zu etwas Neuem, etwas sinnhaftem Ganzen zusammenfügen. 

Ich glaube, dass es für uns Christen von größter Wichtigkeit für die Zukunft ist, dass wir das Vertrauen in Gottes Führung in uns selbst und in unserem Leben finden. Für manche Zeitgenossen scheint so ein Weg eine Zumutung zu sein oder auch etwas Unerhörtes. Sie nutzen die Religion als eine Fortsetzung ihrer Eltern-Kind-Abhängigkeit und bleiben lieber unmündige Menschen. Wenn ich mich jedoch von den Obrigkeiten, und mögen sie noch so sehr ihre göttliche Autorität herausstreichen, rundum bestimmen lasse und wenn mein Alltag von der Angst geleitet wird, bloß nichts falsch zu machen, dann habe ich mich zu einem Leben in Unfreiheit entschieden. Natürlich sind Normen und Gebote wichtig, natürlich ist es gut, auf die Stimme der Kirche zu hören, aber sie dürfen mir nicht zum Ersatz werden, meinen eigenen Weg zu suchen, meine eigenen Erfahrungen zu machen, meine Entscheidungen zu treffen und zu verantworten.

Der große Gottsucher und Theologe Karl Rahner machte einmal diese humorvolle Aussage: „Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie weisen in der Nacht den Irrenden den Weg. Aber nur Betrunkene halten sich daran fest.“ Das lässt sich in Erweiterung auch von den religiösen Gesetzen und Geboten sagen. Gebote und Gesetze sind nicht alles, sie sind der Rahmen, sie sind Weisheit, aber nicht das Leben. Jesus war kein fanatischer Verfechter von Gesetz und Buchstaben, seine Lehre taugt nicht als Ideologie für Menschen, die sich selbst als Auserwählte sehen wollen inmitten einer Masse von Verlorenen. Das Evangelium Jesu ist ein Wachstumsauftrag, eine Ermächtigung, sich in die ganze Freiheit einer von Gott geschaffenen Persönlichkeit hinein zu entfalten. Ich darf nicht dabei stehen bleiben, die Verantwortung für meinen Weg in den Händen anderer zu belassen.

Ich finde in diesem Zusammenhang immer wieder sehr beeindruckend, wie Lukas das erste öffentliche Auftreten Jesu schildert (Lk 4,14-30). Da wird überdeutlich gezeigt, wie Jesus sich nicht darauf beschränken lässt, ein frommer Prediger zu sein, der die Traditionen hochhält und alles schön beim Alten belässt. Nein, er reißt die Zuhörer buchstäblich von ihren allzu liebgewordenen Hockern, er mobilisiert sie, sich zu bewegen. Jesus stellt klar, dass er bereit ist, seinen eigenen Weg zu gehen, auch dann, wenn sich die Mehrheit gegen ihn stellt. Er wagt es, neue Schritte zu gehen, auch wenn er damit an liebgewordenen Überzeugungen und am bestehenden Gebäude der Synagoge rüttelt. Jesus zeigt sich vom ersten Auftreten in Galiläa an als erwachsen gewordener Mensch, der sich voll engagiert und bereit ist, seinen Weg in Freiheit und eigener Verantwortung zu beschreiten. 

Geben wir es zu, der Weg Jesu ist kein leichter! Die Freiheit, die Gott uns schenkt, sie ist auch eine gehörige Herausforderung und Zumutung. Sich ihr zu stellen und den selbstverantworteten Weg zu wagen, erfordert viel Mut und Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Jesus sagt einmal: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 5,20) Damit ist nicht gemeint, dass wir uns im moralischen Eifer noch mehr anstrengen und unser Gewissen noch enger fassen sollen als die Benannten. Das tun diese ja schon im Extrem. Nein, der Weg Jesu ist weit mehr und noch etwas grundsätzlich Anderes als nur die Erfüllung äußerer Regeln und Pflichten. Es geht um das Hören auf den je eigenen Ruf, darum, sich im Vertrauen auf Gott ins Leben zu wagen und die eigenen Gaben zu entdecken. Es geht um ein Sich-auf-den-Weg-Machen. Glauben ist kein langweiliges, vorgeschriebenes Aktenstück, das wir nur noch unterschreiben brauchen. Glauben ist das Abenteuer eines Menschen, der sein Vertrauen auf seinen Schöpfer setzt, ein Weg, der sich erst im Gehen entfaltet. Schritt für Schritt suche ich, zweifle ich, wage ich, finde ich, habe ich Erfolg, scheitere ich, stehe ich wieder auf. Und bei jeder Station darf ich darauf vertrauen, dass Jesus mit mir geht und schließlich alles zu meinem eigenen Heilsweg zusammenfügt.

Pater Thomas Heck SVD