20.04.2019 | zum Geheimnis von Tod und Auferstehung

Wie gelingt das Leben?

Warum sollte ein Mensch heute Jesus kennenlernen und ihm vielleicht sogar nachfolgen?

Jesu Liebe vermag selbst harten Stacheldraht wieder in ein lebendiges Herz zu verwandeln. 
Jesu Liebe vermag selbst harten Stacheldraht wieder in ein lebendiges Herz zu verwandeln.

Die offizielle Kirche verliert mit jeder Welle der stets neu aufflammenden Debatte um sexuellen Missbrauch, nun noch erweitert um das Thema des spirituellen Missbrauchs, an Attraktivität und Glaubwürdigkeit. Viele Chancen zur mutigen Aufarbeitung, viele Möglichkeiten zum transparenten Umgang mit den Tätern und einer barmherzigen Zuwendung zu den Opfern hat sie vertan. Das ist traurig und bitter. Dazu kommt ein so angstbesetztes Verteidigen und verbissenes Festhalten an geschichtlich Gewordenem, dass man meinen könnte, die Geschichte wäre das Allerheiligste. Weil viele Menschen hier nicht mehr Hilfe und Orientierung für ihr Leben finden, kehren sie der Kirche den Rücken. 

Für die meisten Menschen von heute scheint Jesus buchstäblich gestorben. Karfreitag unserer Zeit. Aber wir erleben es ja jedes Mal im liturgischen Feiern neu: nach dem Karfreitag ist eben nicht Schluss, Apfel, Amen. Es folgt die Grabesstille des Karsamstags, die nur eine Vorbereitung ist für das völlig überraschende Aufbrechen eines neuen, ungekannten Lebens am Ostermorgen. Ob die Kirche, strukturiert wie wir sie heute kennen, das in 50 Jahren noch so feiern wird, kann man sich fragen. Das Geheimnis aber, dass Gott uns aus dem Vergangenen und Abgestorbenen zu neuem Leben führen will, das bleibt für immer bestehen. 

Es ist beliebt in den Medien, an Ostern immer wieder die Umfrage zu starten, wie viele Menschen überhaupt eine Ahnung davon haben, warum es die Osterferien gibt. Die Prozentzahlen derer, die das Fest nicht nur mit dem Osterhasen, sondern mit der Auferstehung Christi verbinden können, sinken jährlich. Das zeigt doch das unglaubliche Vermittlungsproblem, das die Kirche hat. Anstelle von Diskussionen, wer zur Eucharistie zugelassen und wer ausgeschlossen werden soll, sollten sich die Hirten viel mehr um diejenigen kümmern, die sich in Sprache und Ritualismus kirchlicher Feiern mit ihrer Suche nach Leben nicht ernst genommen erfahren. 

Wenn wir das Fest von Tod und Auferstehung Jesu Christi als zentrales Fest unseres Glaubens bezeichnen, so tun wir das mit Recht. Aber wir dürfen es doch nicht für uns behalten und so tun, als wäre die zweitwichtigste Sache, ob sich jemand zur Kirche bekennt oder nicht. Jesus ist für alle Menschen gekommen und seine Wahrheit ist universal, sie darf nicht von einer exklusiven Gruppe vereinnahmt werden, so dass andere keinen Zugang mehr dazu bekommen. Nicht umsonst ruft das 2. Vatikanische Konzil der Kirche ins Gedächtnis, dass sie ihrem Wesen nach missionarisch ist. Und das bedeutet, ihr Auftrag ist es, dieses zentrale Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu, ja seinen ganzen Weg den Menschen von heute als ein Modell gelingenden Lebens deutlich zu machen. Dafür braucht es aber ein ganz neues Hinschauen und ein Ernstnehmen der Lebenswelten der Menschen von heute. Nur wenn ich ihre Sprache spreche und Einblick habe in die Mühen und Freuden ihres Alltags, werde ich mit der Hilfe von Gottes Geist fähig werden, ihre Herzen zu erreichen.

Schauen wir doch einmal kurz in den Alltag zweier Familien hinein:

7 Uhr. Doris sitzt am Frühstückstisch, ihr gegenüber ihr Lebenspartner. Der pubertäre Sohn kommt mürrisch angetrottet, die bald erwachsene Tochter fast tänzelnd und singend. Die Mutter nimmt diesen Augenblick bewusst wahr und denkt: „Wie lieb ich sie doch habe! Und auch wenn Max seine Launen hat, so ist mir meine Familie doch ein großes Geschenk.“ Ihr Herz wird warm. 

7:30 Uhr. Auf dem Weg zur Arbeit leuchtet die Sonne durch das Autofenster. Doris genießt den Frühling und sie ist gespannt auf die Aufgaben, die heute vor ihr liegen. Auf das Wiedersehen mit ihrer befreundeten Kollegin freut sie sich. Sie hat Lust, loszulegen.

18 Uhr. In der Sporthalle. Doris ist froh, sich endlich bewegen zu können, sie liebt das Spielerische und Kämpferische beim Volleyball mit ihrer Freizeitgruppe - die Leute und die Bewegung tun ihr gut, da ist es zweitrangig, ob sie diesmal gewinnen oder verlieren.

Ob mein Leben glücklich ist, hängt weniger von den Umständen ab, als von meiner Einstellung dazu! 
Ob mein Leben glücklich ist, hängt weniger von den Umständen ab, als von meiner Einstellung dazu!

Ganz anders ergeht es Sonja:

7 Uhr. Sonja sitzt am Frühstückstisch, ihr gegenüber ihr Lebenspartner. Der pubertäre Sohn kommt mürrisch angetrottet, die bald erwachsene Tochter fast tänzelnd und singend. Die Mutter ist schon lange sauer, dass ihr keiner beim Frühstück-Herrichten hilft. Sie motzt Sven an, dass er nicht so launisch sein soll. In der letzten Woche ist sie zweimal zu spät zur Arbeit gekommen, weil der Verkehr einfach immer mehr zunimmt. So steht sie schon beim Frühstück unter Stress und will möglichst schnell fertig werden.

7:30 Uhr. Auf dem Weg zur Arbeit leuchtet die Sonne durch das Autofenster. Sonja denkt an die Blumen auf dem Balkon, die sie vergessen hat zu gießen. Sie hat Sorge, ob sie heute die Arbeit zur Zufriedenheit erledigen kann. Letztens hat der Chef sie vor den anderen kritisiert, das war ihr höchst unangenehm. Und sie hofft, dass ihr heute die Begegnung mit der Kollegin erspart bleibt, die immer so hochnäsig daherkommt. 

18 Uhr. Im Fitness-Center. Sonja fragt sich, ob sie das Abo noch verlängern soll. Sicher, sie braucht Bewegung, aber muss sie sich wirklich nach der Arbeit noch abrackern? Ihr wird schon schlecht vom Geruch der Halle. Eigentlich würde sie lieber mit dem Rad um den See fahren, als in der Halle die eintönigen Maschinen zu bewegen.

Zwei Frauen und Mütter in vergleichbaren Lebenssituationen, doch ihre Erfahrungen könnten gegensätzlicher kaum sein. Was bringt Doris dazu, den Tag positiv anzugehen und aus ihm Kraft und Freude zu schöpfen? Was bringt Sonja dazu, den Tag mit Ärger, Sorgen und Stress zu beginnen und ihn insgesamt eher als eine Last, denn als ein Geschenk zu erleben?

Und was hat das Ganze mit Jesus, mit Ostern und Glauben zu tun? Der Schlüssel heißt: „Das Leben gelingt, wenn wir es lieben“. Wir kennen nicht die Biografie der beiden Frauen, aber bei Doris ist offensichtlich, dass sie sich versöhnt und in Frieden mit sich und dem Leben erfährt. So kann sie jedem Augenblick und jedem Tag etwas Positives abgewinnen. Im Gegensatz dazu Sonja. Mag sein, dass ihr das Leben bisher nicht sehr zugelächelt hat, aber sie ist augenscheinlich im Widerstreit mit sich selbst, mit der Familie, mit ihrem Alltag.

Die Botschaft, die Jesus bringt, ist doch ein Liebesbrief an das Leben. Beileibe keine blauäugige Einladung, zu allem nur brav Ja und Amen zu sagen. Aber Jesus lehrt uns mit seinem Weg, sein Herz offen zu halten, auch wenn es manchmal weh tut. Die Alternative wäre, das Herz hart zu machen wie einen Stein. Dann ist man vielleicht vor weiteren Verletzungen geschützt, aber um den hohen Preis, dass einen auch das Leben mit seinen wunderbaren Seiten nicht mehr wirklich berührt. Damit stellt man sich auf die Seite derer, die lieber in ihrer Rolle bleiben, um sich von Jesus nicht in Frage stellen zu lassen und die deshalb lieber über ihn richten und ihn zum Tode verurteilen.

Der Auferstandene zeigt den Jüngern seine Verwundungen an Händen, Füßen und an der Seite. Nichtsdestotrotz ist er lebendig und zwar in neuer, unbegrenzter Lebendigkeit. Die, die ihn verurteilt haben, sind, obwohl sie zu leben scheinen, schon tot, weil sie ihr Lebensorgan, das Herz, undurchdringlich und hart gemacht haben für Liebe, Leben und Gerechtigkeit. Sie haben in ihrem Herzen alle schlechten Erfahrungen vergraben und deckeln es mit einem schweren Stein zu, damit ihre Angst nicht an den Tag kommt und sie mit dem System mitlaufen können.

Jesus eröffnet uns Menschen den Raum für neue Handlungsmöglichkeiten. Mit ihm können wir lernen, auch das Schwache und Verletzliche anzuschauen, das, was in den Augen der Menschen nichts gilt, um so mit ihm zu neuer Ganzheit zu finden und zu heilen. Jesus kann uns helfen, den Stein von allem in unserem Herzen Begrabenen wegzurollen, damit wir wieder ganz lebendig werden.
So möchte ich Sonja fragen, was sie davon abhält, ihre Kinder darum zu bitten, ihr beim Frühstück-Herrichten zu helfen. Ich möchte mit ihr schauen, welche Möglichkeiten es gibt, dass sie trotz Stau rechtzeitig am Arbeitsplatz ankommt und wieder mehr Freude an der Arbeit und am Sport gewinnen kann. 

So sehe ich meine Hirtenaufgabe, dass ich das Leid und die Not der Menschen ernstnehme und in der Bejahung ihrer Wirklichkeit Geburtshelfer bin für neue Lebensmöglichkeiten, die sie dann entdecken können. Wenn ich sie durch mein Dasein das Ja Gottes erfahren lasse, erwächst aus den dunklen Erfahrungen neues Leben, eine neue Liebe zum Leben und zu den Menschen um sie herum. Auferstehung eben!

Pater Thomas Heck SVD