02.07.2019 | zu einem Spruch von Theresia von Lisieux

Das wirft mich aus der Bahn!

Wer mit der Bahn fährt, der kann was erleben. Nein, ich will hier nicht von den ewigen Verspätungen erzählen, die ich mit der Zeit gelernt habe, etwas gelassener zu ertragen. Dieses Mal will ich von einer Begegnung berichten.

Ein Junge, zwischen die Züge geraten. „Passt gut auf mich auf, ihr Erwachsenen. Ohne euren Schutz bin ich verloren!“ 
Ein Junge, zwischen die Züge geraten. „Passt gut auf mich auf, ihr Erwachsenen. Ohne euren Schutz bin ich verloren!“

Ich bin auf dem Weg nach Dresden, wo ich bei einem Mitbruder in der Pfarrei ein Bibel-Wochenende gestalten werde. Da der Zug ziemlich ausgelastet sein sollte, habe ich mir dieses Mal eine Platzreservierung besorgt. Das tue ich sonst nie und bin auch die meiste Zeit auf einem Sitzplatz gefahren. Zwischen Mannheim und Stuttgart, ja, da saß ich schon mal auf den Treppenstufen des Einstiegs oder stand gedrängt zwischen anderen im Durchgang zweier Waggons. Aber nach 40 Minuten war es dann auch wieder überstanden.


Ich sitze also an einem Vierer-Tisch und wir halten gerade in Frankfurt. Es ist Freitag und also ein Reisetag für viele. Jüngere Leute mit Rucksack, Weitgereiste, die mit dem Flieger fort waren, und Mütter mit Kindern zwängen sich mit mal größerem, mal kleinerem Gepäck durch den engen Gang. Als die Karawane der Sitzplatzsuchenden endlich abebbt, steht eine ältere Dame mit einem etwa siebenjährigen Buben vor mir. Ah, ich verstehe, sie haben die beiden Fensterplätze hier am Tisch reserviert. Ich stehe auf und biete höflich an, die Koffer nach oben zu hieven. Ich vermute, dass ich hier mit der Oma sprach, die mit ihrem Enkel auf Reisen ging. Die Oma zögert und betont, wie schwer der Koffer ist. Aber das kann einen Mann im besten Alter ja niemals davon abhalten, das Gepäckstück zu packen. 


Sie scheint nicht überzeugt zu sein, aber eine andere Lösung wird sie nicht finden, denke ich mir, der Waggon ist voll. Ich versichere ihr, dass ich die Koffer auch wieder herunterhole, weil ich bis zur Endstation in Dresden fahre. Schließlich habe ich den besagten Koffer zwischen meinen Händen. Ja, er hat wirklich sein Gewicht. Als ich ihn höher und höher winde, steht mir der Enkel im Weg. Naja, schließlich habe ich mit einiger Kraftanstrengung das Ding dann doch in die obere Ablage gepackt, dazu noch weitere kleinere Taschen. Als wir dann alle sitzen, versucht sich die Oma zu bedanken, oder ist es eher eine Entschuldigung? Ich sage ihr jedenfalls humorvoll, dass ich ja dann heute das Fitnesscenter gespart hätte. 


Sie wenden ihren Blick zum Fenster gegenüber. Dort stehen wohl die Eltern, die dem Jungen zuwinken. Er schaut, und ich weiß nicht, ob es aus Verlegenheit ist oder dass er gerade gedanklich mit anderem beschäftigt ist, jedenfalls sehe ich ihn nicht zurückwinken. Und hier nun entstpinnt sich ein Dialog, den ich unbedingt wörtlich wiedergeben muss:


Oma: „Wie, weinst du schon wieder? Wenn du nicht aufhörst, dann suche ich mir ein anderes Kind, das mit mir fährt.“

Ich bin geschockt. Hat sie das wirklich gesagt? Ich kann es nicht fassen. Ich bin gerade Zeuge einer Situation, in der sich im Menschen eine negative Stimme einnisten will. Ich bin nicht derjenige, der sich gerne einmischt, aber hier muss ich etwas sagen.

Ich: „Oh, Sie sind aber hart zu dem Jungen.“

Oma: „Ja, er hat ja schon in der Schule geweint, da ist er heute verabschiedet worden. Die Lehrerin war so...“
Ihr scheint nicht das passende Wort einzufallen.
Ich: „... super?“
Oma: „Ja.“
Ich: „Ja, so eine gute Lehrerin lässt man ja auch nicht gerne gehen. Das kann man doch verstehen, dass er da traurig ist.“

Ein Kind muss Beziehungen erleben dürfen, die verlässlich und lebensförderlich sind. Sonst wird es auch der Botschaft des Evangeliums nie ganz vertrauen können. 
Ein Kind muss Beziehungen erleben dürfen, die verlässlich und lebensförderlich sind. Sonst wird es auch der Botschaft des Evangeliums nie ganz vertrauen können.

Hier war unser Dialog dann erst einmal zu Ende. Ich habe dem Jungen versucht, zwischendrin ermutigende Blicke zuzuschicken und habe ihm die Fragen beantwortet, bei denen seine Oma ihm nicht weiterhelfen konnte. Die Oma scheint jedenfalls eine ziemlich ängstliche und enge Struktur gehabt zu haben, die sie mit einigen Bemerkungen auf ihn übertragen wollte: „Pass auf, dass dir das Gummi nicht wegflitzt!“ oder: „Halt den Deckel fest, sonst fliegt er dir noch runter.“ Ich habe das Gespräch natürlich nicht die ganze Zeit verfolgt und vermute und hoffe, dass zwischendrin auch mal liebevollere Töne waren.


Diese Begegnung hat mir live vor Augen geführt, womit ich in der therapeutischen Begleitung von Klienten und aber auch bei mir selber immer wieder arbeite: mit verinnerlichten negativen Überzeugungen. Ein Kind kann sich ja nicht wehren gegen negative Stimmen, wie diejenige, als die Oma dem Jungen das Weinen verbieten will. Und das mit der massiven Androhung, dass er sonst zurückgelassen und gegen ein anderes Kind eingetauscht würde. Die Oma ist sich sicher nicht bewusst, wie schrecklich diese Aussage ist und wie verheerend sie in der Seele eines Kindes wirken kann, das ja doch voll auf die Erwachsenen angewiesen ist und ihnen vertrauen muss. Durch eine solche Erfahrung, vor allem wenn sie sich in ähnlicher Weise wiederholt, lernt das Kind, dass es nicht in Ordnung ist zu weinen oder überhaupt Gefühle zu haben. Und dass es Angst haben muss, sollte es einmal Gefühle zeigen, dass es dann abgewertet oder ausgegrenzt wird.


Ich weiß nur zu gut, welche Auswirkungen solche negativen Stimmen für das ganze weitere Leben entfalten können. Sie verankern sich nicht nur in der Struktur des Gehirns durch die Abbildung in entsprechenden Nervenverknüpfungen, sie schreiben sich auch in das Zellgedächntnis des ganzen Körpers ein. Folglich wird es der Junge womöglich in seinem Leben als dringend geboten erachten, Gefühle zu unterdrücken.


Und ich weiß aus der seelsorglichen Begleitung, wie häufig Ehefrauen damit ringen, dass ihre Männer nicht reden und ihre Gefühle nicht zeigen, geschweige denn ausdrücken. Das hat sicherlich vielfache Gründe, aber so eine prägende Erfahrung wie die, die ich miterlebt habe, kann die Wurzel davon sein.
Einen Zugang zu seinen Gefühlen zu haben, ist aber die Bedingung für Lebendigkeit. Erst wenn ich zulassen kann, dass ich meine Sehnsucht spüre, weiß ich doch erst, wohin mich das Leben führen will und welcher Auftrag meinem Dasein im Zusammenhang des größeren Ganzen gilt. Nur wenn ich die Sehnsucht nach Liebe in mir spüre, wenn ich mich von Liebe berühren lasse und von Herzen Liebe schenken lerne, bin ich auch wirklich verbunden. 


Ja, ich glaube, dass ganz viele von uns ähnliche Erfahrungen wie dieser Junge machen mussten, so dass wir uns selbst das Fühlen mehr oder weniger versagt haben. Und vielleicht ist das auch ein Teil der Krankheit, die unsere Kirche befallen hat. Da will man Kontinuität und Sicherheit, die Treue zu den Traditionen, und versäumt dabei, auf die Menschen von heute zu schauen mit ihren Bedürfnissen und Nöten. Wie wäre es, den Menschen selbst, mit seiner tieferen Sehnsucht, dem ehrlichen Suchen und Ringen auch als eine Quelle der göttlichen Offenbarung ernst zu nehmen?


Die Mystikerin und Kirchenlehrerin Theresia von Lisieux hat einmal gesagt: „An deinen Wünschen (Sehnsüchten) lässt Gott dich erkennen, was er dir schenken will.“ Wenn wir das annehmen, was die Heilige uns sagt, dann muss ein neuer Wind wehen. Dann darf nicht nur das Alte und Historische den Ausschlag geben bei anstehenden Entscheidungen, da muss auch der Mensch von heute mit seinem Sehnen und Suchen in voller Aufmerksamkeit wahr- und ernst genommen werden. Denn was Gott uns in der Kirche schenken möchte, das können wir nur zusammen erkennen, wenn wir uns über unsere Wünsche und Sehnsüchte austauschen. Natürlich geht es nicht einfach um eine Kirche nach unseren Wünschen, es braucht schon auch die Unterscheidung der Geister. Aber es wäre ein guter Ansatz für eine neue Lebendigkeit. 


Und immerhin ist Gott ja Mensch geworden, und zwar nicht, um uns anzudeuten, dass der Mensch verderbt wäre. Im Gegenteil, Jesus wurde ein wahrer Mensch und zwar ein sehr lebendiger. Einer, der einen guten Zugang zu seinen Gefühlen hatte: zu Trauer und Wut, zu Liebe und Mitgefühl, zu Zärtlichkeit und Verbundenheit.

Pater Thomas Heck SVD