08.03.2020 | zu 1 Thessalonicher 5,21

Orientiere dich an Jesus!

Wer Jesus nachfolgt, der wird immer in die größere Weite geführt, der wird aufgerichtet zur eigenen Freiheit und gesendet in Mitverantwortung, das Reich Gottes zu gestalten.

Mit Jesus geht der Weg immer in die größere Freiheit und Selbstverantwortung. 
Mit Jesus geht der Weg immer in die größere Freiheit und Selbstverantwortung.

Mit 21 Teilnehmer*innen hatten wir uns wieder zu einem Besinnungswochenende zusammengefunden, diesmal direkt zum Beginn der Fastenzeit. Das Thema hieß: „Navi Jesus: Sein Weg als Kompass für unsere Suche nach Leben und Freiheit.“ Als wir alle im großen Raum versammelt waren, stellte uns die Cursillo-Mitarbeiterin die Aufgabe, wir sollten einmal folgenden Satz für uns weiterführen: „Wenn ich frei wäre, ...“. Als wir uns gegenseitig bekannt machten und unsere Fortsetzung des Satzes vorstellten, waren wir überrascht, in wie vielen die Sehnsucht nach fernen Ländern lebte. Andere wollten es einfach einmal genießen, nichts tun zu müssen und freie Zeit zu haben. Manche meinten: „Ich bin doch frei!“. Die ein oder andere tat sich jedoch auch schwer mit dem Satz, weil ihr bewusst wurde, wie sehr sie sich selbst unter Druck setzte, um die Erwartungen anderer als ihre Pflicht zu erfüllen.

Am Samstagmorgen setzten wir uns mit verschiedenen Aussagen zweier großer Frauen und engagierter Christinnen auseinander: Lea Ackermann und Ruth Pfau. Darin suchten wir nach verwirklichter Botschaft von Jesus bzw. nach seiner Haltung. Vertieft haben wir das dann mit fünf Bibelstellen, die uns direkt in die Begegnung mit Jesus führten: 

1. Jesus, den seine Familie mit Gewalt von seinem verrückten Weg wegholen will, damit er wie sie ein normales und angepasstes Leben führt. 2. Petrus, der Jesus heftige Vorwürfe macht: „Das darf nicht mit dir passieren!“, als dieser beginnt, die Jünger darauf vorzubereiten, dass sein Weg auch Leiden und Sterben beinhalten wird. 3. Jesus, den die Jünger in der Frühe suchen gehen und ihm sagen: Alle suchen dich, alle wollen etwas von dir! Aber Jesus lässt sich nicht beirren, folgt seinem Auftrag und zieht weiter zu anderen Orten. 4. Jesus, der von vielen Jüngern verlassen wird, weil sie seine Rede nicht verstehen können. Anstatt die verbliebenen Apostel zu bedrängen, dass wenigstens sie bei ihm bleiben, stellt er ihnen ganz offen die herausfordernde Frage: „Wollt auch ihr weggehen?“ 5. Petrus, der von Jesus gerettet wird, als er sich auf den Weg des Vertrauens über die wogenden Wasser machte, dann aber im Angesicht der Gefahren ins Schwanken kam und unterzugehen begann.

Jede, jeder durfte sich eine der fünf Stellen aussuchen, so wie es ihr/ihm entsprach. Dann, in einem Satz die eigene Situation ausdrücken. Schließlich sich zum Jesus-Bild in der Mitte des Raumes wenden, einen Schritt auf ihn zutun und ausdrücken, was sie oder er von ihm erbittet. Es entstand eine Tiefe und ein Berührtsein, weil die Teilnehmer*innen aus ihrer eigenen Geschichte mit den biblischen Erzählungen in Verbindung traten.

In den Zwischenzeiten des Wochenendes biete ich immer auch die Möglichkeit zum persönlichen Gespräch an. Es kam eine Frau, die schon lange als Krankenschwester arbeitet. Sie sagte, dass sie sehr verunsichert sei, weil sie schon lange mit homöopathischen Mitteln arbeite und das auch Patient*innen anbiete, wenn sie es wollten. Nun aber war sie nach Medjugorje gefahren und dort habe man ihr gesagt, dass das vom Bösen wäre und teuflisch sei. Das habe sie erschreckt und jetzt wisse sie nicht, ob sie damit weiter machen solle. Irgendwie konnte sie dies aber auch nicht wirklich annehmen und suchte Rat bei verschiedenen Pfarrern vor Ort. Doch auch diese hätten im gleichen Sinne gesprochen.

Das hat mich traurig gemacht. Warum werden denn erwachsene Menschen von kirchlicher Seite hier wie Kinder behandelt, denen man noch sagen muss: Das ist gut! und: Das ist böse! Die Kirche nimmt sich damit doch selber nicht ernst. Im Sakrament der Firmung feiert sie, dass der Heilige Geist in jedem Einzelnen lebt und jedem Gaben schenkt zur Auferbauung der ganzen Gemeinde. Warum hat sie nicht den Mut, dem Einzelnen auch ein gesundes Verantwortungsbewusstsein zuzutrauen?

Als Christ Yogaübungen machen? Ja! Nicht, um Hindu zu werden, sondern um sich mit Körper und Geist auf Christus auszurichten. 
Als Christ Yogaübungen machen? Ja! Nicht, um Hindu zu werden, sondern um sich mit Körper und Geist auf Christus auszurichten.

Natürlich muss es Grenzen geben und eine Ordnung, natürlich kann der Einzelne nicht alles überschauen und muss sich in manchen Dingen auf das Urteil von Experten verlassen. Aber ihm Angst zu machen und ihn einzuschüchtern mit Begriffen wie „teuflisch“oder „böse“, wem soll das dienen? Da wird der Gläubige nicht wahrgenommen mit seinem Anliegen, sondern es werden pauschale Beurteilungen wiederholt, ohne dass man näher hinschauen will. Und das war genau das Anliegen des Wochenendes: Es geht um Jesus, der Menschen aufrichtet und in ihre eigene Verantwortung und Freiheit führt, der sie befähigt, mit Mut und Entschiedenheit die Welt zu gestalten und auch andere zu befreien.

Was der Krankenschwester von den Vertretern der Kirchenleitung gesagt wurde, das klingt schon ziemlich nach einer ängstlichen und hinter allem Unbekannten das Böse witternde Weltsicht. Diese hat Jesus uns aber nicht mitgegeben. Er ist vielmehr auch den andersgläubigen Menschen mit einer großen Offenheit begegnet. Als er den römischen Hauptmann von Kafarnaum trifft, staunt er über ihn und sagt: „Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden.“ (Mt 8,5-13) Im Ausland kommt eine kanaanäische Frau auf ihn zu und bittet um Heilung ihrer Tochter. Zu dieser sagt er: „Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst.“ (Mt 15,21-28) Wie kann Jesus hier den Glauben zweier Menschen würdigen, die doch gar nicht der „richtigen“ Religion angehören, sondern andere Götter verehren? Wie immer bei Jesus kommt es nicht auf die äußere Form, sondern auf die innere Haltung an. 

Viel wichtiger, als in Bausch und Bogen zu verdammen, wäre es, mit der Krankenschwester näher hinzuschauen. Homöopathie umfasst einen sehr weiten Bereich und es gibt sehr unterschiedliche Verfahren darin. Manche Methoden sind auf dem Hintergrund von Theorien über Welt und Mensch entstanden, die wir als Christen nicht mittragen können und dennoch entfalten sie eine gute Wirkung für Heilung und Gesundheit. Der größte Widerspruch der Esoterik zum christlichen Glauben ist die Vorstellung einer selbst herbeiführbaren Erlösung, gegenüber unserem Glauben, dass wir allein durch Jesus Christus und durch ein Leben in seinem Dienst Erlösung und Heilung erfahren.

Ich möchte die Akupunktur als ein Beispiel nennen. Die klassische Akupunktur basiert auf der Lehre von Yin und Yang, später ergänzt durch die Lehren der Fünf-Elemente und von den Meridianen. Ich muss nicht den christlichen Glauben aufgeben und mein Bekenntnis zu Yin und Yang wechseln, um die Wohltaten einer Schmerzlinderung durch Akupunktur zu erfahren. Es kommt darauf an, das Gute zu nehmen und das andere zu lassen. So, wie Paulus es uns als Weisung mitgibt: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21)

So ist es auch mit dem Yoga gegangen. Yoga stammt ursprünglich aus der indischen Kultur und ist eng mit dem Hinduismus verwoben. Durch das Praktizieren gymnastischer Übungen (Asanas) soll die Seele mit dem Körper vereint werden, soll der Mensch sich vom immer wiederkehrenden Kreislauf des Lebens befreien können. Das widerspricht unserer Theologie. Doch man kann die Übungen auch in wunderbarer Weise einsetzen, um mit Körper und Seele Wachheit und Zentrierung zu finden, damit man sich in Meditation und Gebet mit Jesus Christus verbindet. Mit der Zeit ist so die christliche Form des Yoga entstanden, die in zahlreichen Häusern und Gemeinden angeboten wird. 

Es würde gut tun, die Christen nicht einfach mit Begriffen wie „teuflisch“ oder „vom Bösen“ einzuschüchtern, sondern sie in ihrer eigenen Erfahrung und Verantwortung ernst zu nehmen und miteinander differenziert zu betrachten, was dem Evangelium hilfreich ist und dienlich und was hinderlich oder wegführend.

Pater Thomas Heck SVD