31.05.2020 | zu Apostelgeschichte 2,1-11

Geist Gottes, atme in uns!

Der Heilige Geist ist derjenige, der unsere Lebensmelodie kennt und uns an sie erinnert und neu mit ihr in Verbindung bringt, wenn wir sie vergessen haben.

Der Heilige Geist wirkt in uns und verknüpft uns zu einem gemeinsamen Netz. 
Der Heilige Geist wirkt in uns und verknüpft uns zu einem gemeinsamen Netz.

Wir hören am Pfingstsonntag in der Lesung aus der Apostelgeschichte: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.“ Uns ist es an diesem Pfingstfest nicht vergönnt, zusammen zu feiern und an einem Ort zu sein. Aber das ist das Äußere. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Herzen vielfältige und bunte Seitenkapellen sind, die verbunden eine einzige große Kathedrale ergeben, in die der Geist heute einfahren möchte, um uns allen am göttlichen Leben Anteil zu geben. Er ist unsere Verbindung und macht uns eins miteinander. 

Ich kann das deshalb sagen, weil wir in unseren Herzen die Hoffnung bewahren und den Glauben. Die Hoffnung, dass wir bald wieder in Freude zusammen kommen und begeistert unsere Lieder singen können. Dass wir uns wieder umarmen und darüber freuen können, gerettet zu sein aus der Krise. Der Glaube, dass mit all dem, was wir erleben, Gott kein Strafgericht mit uns vor hat, sondern uns aufrichten will zu einer gestärkten Innerlichkeit, damit wir lebendige Zeugen seines Wirkens und seiner Allgegenwart sind.

Ich bin Seelsorger in der Erneuerungsbewegung des Cursillo. Wenn diejenigen, die an unserem Glaubenskurs teilgenommen haben, gefragt werden, wie das denn ist, dann erzählen sie gerne von ihren Erfahrungen, schließen aber oft mit der Bemerkung: „Erklären kann man das nicht wirklich, am besten, du machst einmal selbst die Erfahrung.“ Und so ist es ja auch mit dem Heiligen Geist. Wer kann schon erklären, wer oder was der Heilige Geist ist, oder wie er wirkt? Wir können von unseren Erfahrungen berichten, wie wir ihn erfahren haben. Und diese Erfahrungen sind sehr vielfältig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bilder, die Lukas in der Apostelgeschichte verwendet, EINE Seite des Wirkens des Heiligen Geistes darstellen. Da wird vom heftigen Brausen eines Sturmes gesprochen, von Zungen aus Feuer und von der Zungenrede vor Menschen aus allen Völkern. Wie sollte Lukas das so schwierig zu beschreibende Wirken des Geistes auch anders darstellen, als durch großartige Zeichen, die die ganze Stadt in Bewegung bringen und ein Fest der Verständigung stiften?

Wenn wir in der Apostelgeschichte weiterlesen, erfahren wir, wie Petrus mit den anderen Aposteln vor den Leuten in Jerusalem von Jesus Zeugnis gibt und sie damit konfrontiert, dass sie mit Schuld daran sind, dass er getötet wurde. Jesus aber, so Petrus, ist der von Gott gesandte Retter. Dann heißt es dort: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?“ (Apg 2,37) Viele Bewohner Jerusalems bekehren sich darauf hin und nehmen den Glauben an Jesus als den Messias an. Das ist genauso ein Pfingstereignis. Da kann man nichts von außen sehen, denn da rauscht nichts und brennt nichts, und es wird nicht in fremdsprachiger Zunge geredet. Aber im Inneren der Menschen, die erkennen, dass sie auf dem verkehrten Dampfer waren und die sich jetzt zu Jesus als ihrem Retter hinwenden, da rauscht es gewaltig und brennt, und da ist plötzlich ein Erkennen und Verstehen, wer Jesus ist und wer er auch für sie sein möchte: ihr Retter und Herr. 

Der Geist lässt aus der Verbindung mit Gott in uns seine Früchte wachsen und reifen. 
Der Geist lässt aus der Verbindung mit Gott in uns seine Früchte wachsen und reifen.

Tatsächlich ist die großartige Wirkung der Apostel vor den Menschen eine Frucht des Geistes, der schon lange in ihnen webt und arbeitet. Erinnern wir uns an den Abend des Ostertages, also 50 Tage vor dem Pfingstfest! „Jesus trat in die Mitte seiner Jünger, sprach ihnen den Frieden zu und sagte: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Dann hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,21-22) Das war ja nicht ein Wort ohne Wirkung! Er hat ihnen damals wirklich den Heiligen Geist zugehaucht und sie haben ihn empfangen. Aber über 50 Tage lang musste der Geist im Verborgenen wirken, die Herzen der Jünger durchwalken, brauchte die Saat der Erfahrungen mit Jesus, um aufzugehen und zur Blüte zu kommen, bis sie endlich an Pfingsten sichtbar und für alle greifbar werden konnte.

Was eigentlich am Pfingstfest geschieht, ist, dass die Jünger nun in Worte fassen können, was sie in ihrem Inneren über die Zeit der Klausur bewegt und im Austausch miteinander erkannt haben. (Apg 1,13-14) Wenn man so will, so haben auch sie eine Quarantäne durchgemacht, in der sie immer beieinander waren und beteten. Und jetzt, mit Pfingsten, ist da etwas reif geworden, das vor der Welt sichtbar werden kann. Jetzt haben sie die innere Überzeugungskraft gewonnen, die sie mit Mut vor die Menschen treten lässt, um von ihrem Herrn zu sprechen. Jetzt können sie ihre Sendung wahrnehmen, die ihnen Jesus aufgetragen hat: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ 

Liebe Schwestern und Brüder, das wollen wir in diesen Tagen feiern, darum wollen wir bitten, dafür wollen wir danken, dass der Heilige Geist in uns im Stillen wirkt und uns immer wieder zur rechten Zeit den Mut gibt, unsere Sendung wahrzunehmen, dass wir Zeugnis geben von dem, was durch seine Kraft in uns gereift ist. Und diesen Mut dürfen wir haben, weil Gott sein Wort immer wieder neu durch uns Mensch werden lassen möchte. Wir dürfen unserer eigenen Erfahrung vertrauen, dürfen unsere Überzeugung in die Worte fassen, die aus der persönlichen Erfahrung kommen. Im Gebet um die Kraft und den Atem des Geistes dürfen wir dabei darauf vertrauen, dass Gott selbst durch unsere Worte seine Wunder wirkt und die Herzen von Menschen erreicht. 

Und wenn man mich dann doch danach fragen würde, wie ich den Heiligen Geist erklären wollte, würde ich in Abwandlung eines Wortes von Albert Einstein sagen: Der Heilige Geist ist dein Freund, „der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorspielt wenn du sie vergessen hast.“

Ich schließe mit einem Wunsch: Zum Pfingstfest wünsche ich dir ganz viel belebenden Geist, dass dich Gottes Wärme und Liebe umfängt und dein Herz spüren lässt: es ist gut, dass ich bin, die oder der ich bin. Ich wünsche dir weiter, dass es gewaltig rauscht und brennt - wenn auch eher im Inneren -, dass plötzlich ein Erkennen da ist, wie sehr verbunden du mit Gott bist, mit allen, und wie sehr Gott auf dich baut, damit das Zeugnis seiner Liebe alle Menschen erreicht.

Pater Thomas Heck SVD