16.08.2020 | zu Exodus 4,10-13

Nur einen Schritt der Entschlossenheit entfernt

Der Fahrradkeller und ein Gletscherbach zeigten mir, dass ich Vertrauen und Entschlossenheit brauche, um ans Ziel zu kommen.

Mit Vertrauen und Entschlossenheit die Bremse lösen und mutig auf das Ziel hin losfahren. 
Mit Vertrauen und Entschlossenheit die Bremse lösen und mutig auf das Ziel hin losfahren.

Ich fahre gerne Fahrrad und dazu gibt es in München auch viel Gelegenheit, entweder auf gut ausgebauten Radwegen oder im Englischen Garten. Mein Fahrrad steht mit hundert anderen im halboffenen Zweiradkeller des Hauses, der immerhin drei Ebenen umfasst. Wenn ich von einer Tour zurückkomme, muss ich über die etwa fünf Meter lange Zufahrt nach unten fahren, um zu meiner Ebene zu gelangen. Das Problem ist, dass in der Mitte Treppenstufen einbetoniert sind, so dass rechts und links nur etwa 50 cm befahrbar bleiben. Wahrscheinlich ist vorgesehen, dass der Fahrradfahrer absteigt und zu Fuß nach unten geht. Aber welcher Fahrradfahrer macht das schon, wenn man auch fahren kann?

Nur ist es auf dieser schmalen Spur ziemlich schwierig, denn würde man mit dem Lenkrad auch nur ein paar Grad vom Kurs abkommen, käme man schnell mit dem Reifen auf die Stufen und könnte stürzen. Ich habe festgestellt, wenn ich zögerlich herunterfahre und die Angst im Vordergrund steht, dann komme ich eher ins Straucheln und kann mich mit den Bremsen noch gerade eben so auffangen. Wenn ich aber mutig einsteige und vertraue, dass ich gut nach unten komme, dann klappt es viel besser. Mit der Zeit habe ich Übung bekommen und es ist mehr Sicherheit als Angst da. 

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich während der Wanderwoche im Montafon. Mit einer Gruppe waren wir jeden Tag in die Berge unterwegs, wo wir bei den Temperaturen beim Anstieg auch gut ins Schwitzen kamen. An einem Tag sind wir in der Silvretta auf die Höhe gewandert. Als wir das Ziel erreicht hatten, die Wiesbadener Hütte, da fiel beim Einkehren mein Blick auf den Gletscher gegenüber und das Gletschertor. Mit bloßem Auge konnte man Leute erkennen, die den Gletscher herunterstiegen und am Gletschertor vorbeikamen. Irgendwie zog mich das magisch an, so dass ich Lust bekam, dorthin aufzubrechen. Der Weg schien in einer halben Stunde gut zu bewältigen. Am Ende habe ich mit den beiden anderen, die mitgegangen sind, eine Dreiviertelstunde gebraucht. Aber da waren wir erst noch in 30 Meter Entfernung vom Tor und es trennte uns ein reißender Gletscherbach. Man hätte mit einem beherzten Sprung und noch einem weiteren, das tobende Wasser überwinden können, aber nur ein kleiner Ausrutscher und es hätte kein Halten mehr gegeben, das tobende Wasser hätte einen fortgerissen. Ich bin ja gerne mal ein bisschen waghalsig, aber hier hat mir Gott sei Dank meine Vernunft gesagt, dass ich es lieber nicht tun sollte. Von der Gegenseite kam ein Bergführer mit drei Frauen auf den Bach zu. Er schaute sich das Wasser an und packte dann ein Seil aus, womit sie sich absicherten, um über den Strom zu kommen. 

Wir hatten leider kein Seil dabei, so schauten wir zu einer höheren Stelle, wo der Bach breiter war. Hier könnte man wohl durchwaten, aber doch nur ohne Schuhe. Meine Begleiterin geht im Sommer gerne mit bloßen Füßen, ja wandert sogar auf diese Weise im Gebirge. Für sie war es ein Leichtes und sie ging hindurch, um in das Gletschertor hineinzuschauen. Ich versuchte es meinerseits, aber bei der Hälfte der Strecke musste ich aufgeben und eilte mich, nur schnell herauszukommen und meine Füße auf einen Stein in die Sonne zu stellen. Diese Eiseskälte schmerzte so stark, dass ich nicht wusste, ob meine Füße wieder auftauen würden. Mein anderer Begleiter versuchte es ebenfalls, doch auch er musste umkehren und verzog das Gesicht im Schmerz. 

Das Gletschertor und der reißende Eisbach. 
Das Gletschertor und der reißende Eisbach.

Das war schade, dachte ich mir, dass ich so kurz vor dem Ziel aufgeben sollte. Dann machte ich mir bewusst, dass zwischen mir und dem Ziel nur ein paar Schritte der Entschlossenheit lagen. Gedacht, getan, ich machte mich ein zweites Mal auf den Weg durch den Eisbach und hatte das Ziel vor Augen, das ich erreichen wollte. Und..., obwohl ich bis über die Knie durchs Wasser waten musste, habe ich es geschafft. Den Schmerz habe ich zwar wahrgenommen, aber nicht mehr so schlimm wie beim ersten Versuch. Jetzt konnte ich mir das Gletschertor aus der Nähe anschauen und Fotos machen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Und auch der Weg zurück war kein großes Problem mehr, ich hatte ja die Belohnung erhalten. 

Diese Erfahrungen lehren mich, dass die Vernunft manchmal wichtig ist und mich vor Gefahren beschützen kann. Ein anderes Mal jedoch kann es auch bedeutsam sein, die gefühlten Grenzen zu weiten, das Ziel in den Blick zu nehmen und über sich hinauszuwachsen. 

Viele biblische Geschichten erzählen davon, wie Menschen in ihrem Glauben über sich hinausgewachsen sind. Wie sie ihren Ängsten begegnet sind, ihre Grenzen gespürt haben, über die sie zunächst nicht hinaus konnten oder wollten. Wie sie dann aber durch eine neue Entschlossenheit, aus ihrem Glauben heraus, durchgebrochen sind zu ihrer größeren Berufung und zu den Möglichkeiten, die Gott in ihnen verwirklichen kann.

Ich denke da z.B. an Mose, der meinte, Gott solle doch jemand anderen für die Aufgabe suchen, es gäbe sicher jemand Geeigneteren, außerdem könne er ja nicht gut reden. (Ex 4,10-13) Weil Mose seine Ängste überwunden und sich entschlossen hat, mehr auf Gott zu vertrauen, ist aus ihm die große Befreiungsgestalt der Geschichte des erwählten Volkes geworden.

Ich denke an Josef, den Ziehvater Jesu. Er hatte große Bedenken, die Ehe mit Maria einzugehen, schien es doch so, dass sie von einem anderen Mann schwanger geworden wäre. Er hätte den Gefühlen von Kränkung, Wut und Ratlosigkeit folgen können. Auf die Eingebung des Engels im Traum jedoch, entschloss er sich, das Unglaubliche zu glauben. So konnte Jesus in einer behüteten Familie seinen Erdenweg beginnen. 

Ich denke an Maria, die Mutter Jesu. Sie hatte ihre Vorstellungen von Ehe und Familienleben, ihre kleinen Hoffnungen und Erwartungen. Dann kam plötzlich dieser Bote vom Himmel und schlug ihr etwas völlig Unverhofftes vor: Mutter des göttlichen Kindes zu werden. Auch sie war ratlos und spürte ihre Ängste. Doch im Gespräch mit dem Gottesboten fasste sie mehr und mehr Vertrauen und entschloss sich dazu, Gott die Chance zu geben. Zum Segen für uns alle.

Und ich denke an Sie und an mich. Denn Gott will jede und jeden von uns zu den größeren Möglichkeiten unseres Selbst führen. Dafür brauchen wir immer wieder kleine Schritte der Entschlossenheit, im Wagnis unsere Sicherheiten hinter uns zu lassen und das Vertrauen auf einen Gott zu setzen, der uns durch alles und in allem trägt.

Pater Thomas Heck SVD