10.11.2020 | zu Ezechiel 47,1-12

Wie Schuppen von den Augen

Wir sind aufgerufen, ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Das Bewusstsein, dass wir im Tiefsten miteinander verbunden sind, wir Menschen untereinander, aber auch wir mit der Erde und dem Kosmos.

Corona hat mir nicht nur den Atem, sondern auch die Sicht genommen. 
Corona hat mir nicht nur den Atem, sondern auch die Sicht genommen.

Ich ging einige Wochen im Dunkeln. Die Pandemie, die nicht locker lässt und das Leben immer wieder neu einschränkt, die Irren und Wirren in der Weltpolitik, die Unsicherheit mit Klima-, Flüchtlingskrise usw. Es wurde für mich immer schwieriger, die Hoffnung hochzuhalten. „Für was und wen?“, fragte ich mich. Wohin soll es gehen? Ich musste erkennen, dass ich keinen Plan mehr hatte. Und damit habe ich mich dem Herrn anvertraut. Aber auch da war nichts zu hören, kein Licht zu sehen.

Es ist schwer, eine solche Ungewissheit und Perspektivlosigkeit auszuhalten. Dann bleibt nur noch das diffuse Vertrauen auf einen Gott, von dem ich schon oft erfahren habe, wie er die Dinge am Ende wunderbar lenkt. Auch, wenn ich ihn und seine Lenkung in diesem Moment überhaupt nicht spüre. Aushalten. Mich erinnern. Mein Herz beruhigen und ihm sagen: Er hat schon so oft geholfen, er wird es wieder tun. Das ist das Einzige, was dann bleibt. Und vielleicht ist es wichtig, sich auf diese Weise im Vertrauen tiefer zu verankern. Aus der Erinnerung heraus meine Tür zu schmücken für seine Ankunft.

Und dann, es war an einem Freitag, kam er. Zuerst merkte ich es nicht. Erst im Verlauf des Tages, als es mir nach und nach wie Schuppen von den Augen fiel. Das Erste war ein Gespräch, in dem ich auf wunderbare Weise mit meinen persönlichen Themen Begleitung erfuhr. Das Zweite war der Austausch in unserer Gemeinschaft, wo wir uns immer wieder erzählen von Themen, die dem einen oder der anderen begegnet sind. Das Dritte schließlich war die Empfehlung auf ein Radio-Interview mit dem zeitgenössischen spirituellen Lehrer Thomas Huebl.

Seither kann ich wieder sehen, Tag um Tag klarer erkennen, was die Perspektive sein könnte. In den Workshops von Huebl, die er mit dem Titel „Sharing the Presence“ (also: die Gegenwart Teilen) überschreibt, geht es um den Wandel von einer egozentrischen Weltanschauung hin zu einer neuen Kultur des Wir. Und ja, das scheint mir der Schlüssel. Seit ich den in die Hand bekommen habe, öffnet sich für mich Raum um Raum.

Im Interview wird die Coronapandemie als Testlauf gedeutet für das noch viel größere Problem der Klima- und Umweltkrise. Nicht ein Impfstoff wird uns retten. Wir brauchen vielmehr ein neues Bewusstsein. Die Pandemie hat die Überschleunigung gestoppt, sie drängt uns, wieder neu aufeinander zu schauen und füreinander zu sorgen. Die gesamte Menschheit ist wie ein einziger Organismus von dem einen Virus betroffen. Jetzt ist nicht nur der Planet krank, sondern wir sind es auch. Alle Aufspaltung in unseren Köpfen in einheimisch und ausländisch, in reich und arm, in erfolgreich und chancenlos, in diese Religion oder jene, haben vor dieser Krankheit keine Bedeutung mehr. 

Wir sollten uns an die Brust klopfen und sagen: Ja, wir haben uns verrannt. Wir sind unseren eigenen Vorstellungen von Glück und Erfolg hinterhergehetzt und haben dabei das Wesentliche aus dem Blick verloren. Ja, wir haben es dabei sogar niedergetrampelt und totgetreten. Was aber ist das Wesentliche? Sich Zeit zu nehmen, um füreinander da zu sein. Das Bewusstsein pflegen, dass ich zutiefst verbunden bin, mit dem Planeten und all den anderen Menschen.

Das grundlegende Trauma unserer Zeit ist die Perspektive des Getrenntseins: Ich muss mich behaupten, mich beweisen; die anderen stehen in Konkurrenz zu mir; besser, ich boxe sie weg, als sie mich. Das vorherrschende Prinzip in unserer Gesellschaft ist das Männliche: die äußere Perspektive, zielgerichtet, kämpferisch, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert, was auch am Ende zerstörerisch wirken kann. Wir brauchen eine Wende zum weiblichen Prinzip hin: die innere Perspektive, schöpferisch, kreativ, aufnehmend, austragend, umwandelnd und heilend.

Wir sind alle Gefäße von Gottes Geist. Verbinden wir uns, gegenwärtigen wir Christus in dieser Welt. 
Wir sind alle Gefäße von Gottes Geist. Verbinden wir uns, gegenwärtigen wir Christus in dieser Welt.

Was kann nun unsere Aufgabe als Christen sein? Ich finde es in dem Zusammenhang spannend, dass in dieser Krise unsere Kirchen noch weniger als Begegnungs- und Versammlungort wahrgenommen werden können. Wenn man dazu den Trend an Kirchenaustritten der letzten Jahre und Jahrzehnte mit bedenkt, so fragt man sich, ob wir modernen Menschen gar keine heiligen Räume und Zeiten mehr brauchen. Oder sucht sich jede und jeder das für sie/ihn Entsprechende nach dem individuellem Geschmack? Aber selbst dann wäre es doch nur etwas Getrenntes und nicht miteinander verbunden. 

Unsere Aufgabe als Christen möchte ich mit diesem Spruch verdeutlichen: „Nicht mehr Christ sein, sondern Christus sein!“ Als Christen sind wir hineingetauft und hineingetaucht in den einen großen und heiligen Raum des Leibes Christi. Ja, Jesus ist doch auch heute lebendig durch uns. Und nicht nur, dass ich Christin oder Christ bin, viel mehr, ich bin ein Teil in einem weltumspannenden mystischen Leib Christi. Es geht darum, diesem Bewusstsein Körper und Raum zu geben, es im Gebet zu empfangen, sich hineinweben zu lassen in diese umfassende Gemeinschaft und sie mitzutragen. Das ist etwas Grundlegend anderes, als wenn ich meine, ich müsste die Welt retten. Und da ich das nicht schaffe, resigniere ich, verliere den Mut. Nein, ich bin zuerst ein Teil eines wunderbaren Ganzen, des lebendigen Organismus Christus, der der Erste ist der neuen Schöpfung und der diese Welt durch unsere Mitwirkung verwandelt nach dem göttlichen Plan. (vgl. Kol 1,15-20)

Aber wie soll das konkret aussehen? Ich finde es interessant, dass Glaube nun weniger zwischen festen und abgegrenzten Kirchenmauern stattfindet, dafür aber mehr im Internet. Ich habe inzwischen einige schöne Erfahrungen mit Bibelgesprächen über Videotreffen gemacht. Da entdecke ich: Der Glaube will nicht in abgeschotteten Kirchenmauern bleiben, er will sich in diese Welt, in das Leben hineinverweben. Und wir sind die Gefäße, die das möglich machen können. Erinnern wir uns daran, dass wir doch Tempel des Heiligen Geistes sind. Und wenn wir uns verbinden, sei es in der Gesinnung oder auch über Internet, dann werden wir zum großen heiligen Raum, der aus unserer Hinwendung zu Gott für diese Welt einen Tempel erstehen lässt, eine „virtuelle“, aber doch wirksame Kirche.

Ich denke da an die Vision des Ezechiel (47,1-12). Der Prophet sieht, wie unter der Tempelschwelle eine Quelle hervorströmt mit heilendem Wasser. Dieses Wasser wird immer tiefer und breiter, wird zu einem Fluss, der ins ganze Land hinein fließt. Überall dort, wo das Wasser hingelangt, schenkt es Leben und Fruchtbarkeit in Fülle. Und wir können dieser Tempel sein. Und Gott wird aus diesem Tempel seinen Segen fließen lassen in diese Welt. Und dieser Segen wird alles heil und gesund machen.

Mehr dem weiblichen Prinzip folgen, heißt für uns: in die Stille gehen, sich verbinden, wachsen lassen, hoffen und warten, nähren, vertrauen, austragen helfen von etwas, das größer ist als wir selbst.

Pater Thomas Heck SVD