25.10.2020 | zu Lukas 10,38-42

Von Corona und anderen Ungeheuern

Wir Menschen haben uns extrem in die äußere Welt entwickelt und vergessen fast dabei, dass es auch eine innere gibt. Es wird Zeit für mehr Innerlichkeit!

Wenn du nicht Frieden im eigenen Herzen gefunden hast, suchst du ihn an den schönsten Orten vergeblich. 
Wenn du nicht Frieden im eigenen Herzen gefunden hast, suchst du ihn an den schönsten Orten vergeblich.

Wir Menschen sind so weit gegangen, dass wir das Glück im Urlaub auf den fernsten Inseln suchen. Dabei haben wir übersehen, dass wir dadurch unsere Umwelt zerstören und den Ast absägen, auf dem wir sitzen. So viele Weisheitsgeschichten wie auch die Bibel erzählen uns, dass das Glück nicht in der Ferne liegt. Es kann vielmehr nur im eigenen Inneren gefunden werden.

Ich erlebe mich in diesen Zeiten der Pandemie immer wieder zurückgeworfen auf mich selbst. Die ganze Unsicherheit in der Planung von Veranstaltungen und Treffen, die mich sonst ausfüllen, belastet mich sehr. Vor allem, weil es jetzt wieder losgeht mit den strengeren Beschränkungen. Jedes Mal, wenn wir dann wieder versuchen, ein Treffen mit physischer Präsenz zu organisieren, müssen wir damit rechnen, dass am Ende doch nur wieder jeder vor seinem Computer sitzt und wir uns bloß über Internet begegnen können. Immerhin weiß ich auch das mehr und mehr zu schätzen und habe durchaus positive Erfahrungen mit Videokonferenzen gemacht.

Aber weil so Vieles an Aktivitäten am Ende nicht läuft, weil so wenig wirkliche Begegnung möglich ist, erlebe ich mich viel mit mir allein. Und das ist nicht das Einfachste. Wenn das Programm sonst normal läuft, bin ich schon sehr davon in Anspruch genommen, zu planen, abzusprechen, vorzubereiten, durchzuführen, nachzubereiten und was sonst alles dazu gehört. Zeit zur Selbstreflexion bleibt da manchmal wenig. Es tut ja auch gut, mit Anderen etwas zu gestalten, Menschen zu begegnen, mit der Energie einer Gruppe zu schwingen und Bestätigung für die Arbeit zu bekommen.

Und wenn das alles nicht ist..., dann erfahre ich meine Enttäuschung, meine Ohnmacht, meine innere Leere, ja, auch meine Wut auf diese Situation, die ich nicht in der Hand habe und die mir immer wieder einen Strich durch meine Rechnungen macht. Das ist schwer auszuhalten und viel lieber weiche ich dem aus, indem ich irgendetwas tue und mache. Nun aber muss ich mich dem stellen. Was mir hilft, ist, dass ich mich im Gebet meinem Herrn damit zeigen kann. Ja, ich lasse die Gefühle - so unangenehm sie auch sein mögen - in mir zu und bitte Jesus, sie mit mir anzuschauen. Ich weiß ja, dass ich zu ihm nicht nur mit meinen Glanzseiten kommen darf, sondern dass ihm meine Schattenseiten genauso willkommen sind. Ganz einfach deshalb, weil das gerade meine Wirklichkeit ist und ich als Gottes Geschöpf so von ihm erschaffen worden bin. 

Und wenn ich das für einige Momente aushalte, dann kommt bald eine Erleichterung in mir auf, geschieht ein Aufatmen, das mir inneren Frieden schenkt. Eine sehr große Hilfe dabei ist für mich auch das Tapping (eine Meridian-Klopftechnik, Akupressur verbunden mit Affirmationen). Da spüre ich während des Übens eine körperliche Wirkung der Erleichterung. Schön, dass es solche Methoden gibt, die mich auf meinem spirituellen Weg auch vom Körper her unterstützen! Natürlich habe ich auch dazu nicht immer Lust. Jedes Mal, wenn ich mich dann aber trotzdem darangebe, spüre ich, wie es mir nachher besser geht und ich wieder positiver in die Welt schauen kann, mit mehr Energie und Leichtigkeit.

Ich darf mich mit meinen Licht- und Schattenseiten Gott anvertrauen. 
Ich darf mich mit meinen Licht- und Schattenseiten Gott anvertrauen.

Mich belastet auch oft, dass die Situation an so vielen Orten in unserer Welt gerade so schwierig ist, dass so viele Menschen leiden. Natürlich Corona, aber auch die dadurch fast verdrängten Problematiken der Flüchtlinge, der Umweltzerstörung und Klimaerwärmung, des Artensterbens, der vielen Brände, der Kriege, der Tatsache, dass so viele Regierungschefs mehr dem eigenen Vorteil hinterherjagen, als dem Wohl ihres Volkes zu dienen, die so weit gehen, die Kritiker zu diskreditieren, zu misshandeln, zu vergiften und gar zu ermorden. Ja, da frage ich mich manchmal: Wo soll das noch enden?

Aber ich weiß auch, dass Gott diese Welt zu einem guten Ende führen will und wird. Auch wenn mir das manchmal schwer fällt zu glauben, angesichts der täglich servierten Ereignisse. Wir müssen uns auch immer wieder bewusst machen, dass die Informationen in den Medien nicht einmal die Hälfte der Wirklichkeit sind, ja, sicher nicht einmal ein Zehntel. Denn es geschieht jeden Tag auch so viel Gutes und Schönes, so viel Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, nur dass darüber niemand berichtet.

Ich bin mir sicher, dass es eine große Aufgabe in dieser Zeit ist, dass wir, die wir an Gott glauben, dieses Vertrauen in die Menschheit hoch halten. Wir können aus der Kraft unseres Glaubens an einen Gott, der mächtiger ist als alles, was immer Menschen auch treiben und verderben können, den heiligen Raum schaffen, von dem Gott aus diese Welt zum Besseren verwandelt. Wenn wir aus dem Glauben an ihn leben und uns miteinander verbinden, dann sind wir der heilige Tempel, in dem er mitten in dieser Welt wohnt und seine Heilkraft in die Menschheit fließen lässt.

Wo ich oben schrieb, dass ich normalerweise ganz davon in Anspruch genommen bin durch die vielen Aktivitäten und Planungen, da fiel mir gleich die Geschichte von Marta und Maria ein (Lk 10,38-42). Denn dort heißt es, dass Marta als Gastgeberin „ganz davon in Anspruch genommen“ ist, für Jesus zu sorgen und zu kochen und zu machen. Wir sind in dieser Krisenzeit sozusagen gezwungen, die Maria-Seite in uns zu entdecken. Ich vermute, dass das für Viele - wie auch für mich - eine große Herausforderung ist. Weil man doch meint, es müsse noch das getan und jenes organisiert werden, weil doch das Aktiv-Sein irgendwie einfacher ist, weil man ja doch selbst bestimmen kann, was man tut. Aber sich wie Maria hinsetzen und alle Aktivität sein lassen, das ist schwierig. Die Kontrolle aus der Hand geben und sich wirklicher Begegnung aussetzen, das ist nicht die einfachste Übung. Und Jesu Worte sind auf der einen Seite Trost und Unterstützung, sie sind aber auch Herausforderung und Konfrontation mit zu engen Denkweisen. Jesus verteidigt dieses Handeln, bzw. das Nicht-Handeln der Maria gegen die Vorwürfe der geschäftigen Marta und nennt es „den guten Teil“.

Ich bin überzeugt: Wer den Mut hat, Jesus mit dem unaufgeräumten eigenen Herzen zu begegnen und sich seinem Licht und Blick auszusetzen, der wird in sich neuen Frieden und neues Licht empfangen. Und dieser Friede und dieses Licht werden alles, was Maria danach dann wieder tun und arbeiten wird, genauso wie das, was wir danach dann wieder tun werden, mit einer neuen Kraft und Liebe ausstatten, die auf andere Menschen überströmen.

Pater Thomas Heck SVD