29.11.2020 | zu Markus 1,2-4

Komischer Vogel Johannes

Ich bin ihm begegnet, Johannes, dem Wüstenpropheten.

Johannes der Täufer, ein Prophet, der uns herausruft aus den eingespielten Rollen. 
Johannes der Täufer, ein Prophet, der uns herausruft aus den eingespielten Rollen.

Eigentlich, so wissen wir es aus den Bibeltexten, lebt Johannes ja in der Wüste. Er ist mit einem Überwurf aus Kamelhaaren ausgestattet und fordert die Menschen dazu auf, sich zu bekehren. Aber gestern saß er hier in München in der U-Bahnstation auf einer Bank und sang Kinderlieder. Doch eins nach dem andern.

Nachdem ich meinen Vormittag mit vielen Arbeiten und Mail-Kommunikationen verbracht hatte, stand für den Nachmittag eine Untersuchung an. Die Blutgefäße sollten angeschaut und auf ihre Gesundheit getestet werden. Da mich erst eine längere U-Bahnfahrt zum Doktor brachte, überlegte ich mir, wie ich die Zeit unterwegs sinnvoll nutzen konnte. Ah ja, da lag schon ein paar Tage dieser amtliche Brief herum, den könnte ich endlich lesen. Also habe ich ihn mir geschnappt und bin zur U-Bahnstation. Beim Warten auf den nächsten Zug nochmal schnell aufs Handy geschaut: gibt es neue Nachrichten oder Mails, ist irgend etwas Wichtiges passiert? Und es gibt ja fast immer was.

Ich war zeitig dran, so dass ich eine Station früher ausstieg und die Zeit nutzte, um gemütlich durch die Straßen des Viertels zu gehen, bis ich an mein Ziel kam. Die Untersuchung verlief problemlos. Dann fragte mich die Ärztin, welchen Beruf ich ausübte und wir kamen ganz angeregt ins Gespräch über den Glauben und die Kirche.

Das war neu für mich, denn bei den anderen Kollegen, die mich bisher immer behandelt hatten, war ich es gewohnt, schon wieder den Türgriff in der Hand zu haben, kaum dass ich gesagt hatte, was mir fehlte. Ja, letztens habe ich mich wirklich gefragt, ob der Arzt mir eigentlich zuhört. Ich hatte ganz bewusst drei Themen benannt, die für mich anstanden. Nachdem er mich kurz angeschaut und mir eine Überweisung ausgestellt hatte, war er schon wieder dabei, mich hinauszukomplimentieren. Da musste ich ihn an das zweite Thema erinnern. Ach ja, sagte er gar nicht erstaunt. Und mit einer weiteren Überweisung in der Hand wurde ich schon wieder zur Tür geschoben. Erst draußen fiel mir auf, dass er mir immer noch keinen Termin für die eigentliche Untersuchung genannt hatte. Also klopfte ich, wartete und sprach ihn an. Ach ja, sagte er, kommen Sie morgen um 9.30 Uhr zum Kollegen. 

Ich fragte mich, ob das einfach Zerstreutheit war oder doch eine Form von Berufsmüdigkeit. So trat ich also wieder meine Rückfahrt an. Meine App, die eigentlich die schnellste Verbindung heraussuchen sollte, zickte mal wieder herum, worüber ich mich dann sehr aufregen kann. Sie hat mich am Ende wahrscheinlich auf den Weg geschickt mit den längsten Wartezeiten. Der Bus würde nach der App schon abfahren, da standen auf der Infotafel an der Haltestelle noch ganze sechs Minuten Wartezeit. Mir entwich ein Stoßzeufzer und ich machte mich eben zu Fuß auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station. Dort angekommen, las ich, dass in nur drei Minuten der nächste Zug kommen sollte. Das versöhnte mich ja schon fast wieder.

Im Advent mal wieder eine Kerze anzünden, still werden, in der Bibel lesen. Sehnsucht spüren. 
Im Advent mal wieder eine Kerze anzünden, still werden, in der Bibel lesen. Sehnsucht spüren.

Zu lesen hatte ich jetzt nichts mehr. Also suchte ich im Handy nach neuen Nachrichten, aber auch die waren schnell studiert. Was macht man dann in so einem Fall? Man starrt einfach in die Luft. Bald kamen wir an die nächste Haltestelle. Seit der Pandemie gehen die Türen ja immer alle von selber auf. Das finde ich sehr praktisch, denn dann braucht man den Taster nicht zu berühren. Durch die sich öffnende Tür entdeckte ich auf einer der Bänke eine seltsame Erscheinung. Ein Mann saß dort, der mit dem rechten Zeigefinger beständig an seine Stirn tippte. Dabei ging sein Blick ins Leere, offensichtlich gab es niemand Bestimmtes, dem er den Vogel zeigen wollte. Dazu sang er auf Lalala eine Kindermelodie, das konnte ich auf die Distanz gut hören. Bevor die Türen sich wieder schlossen, warf ich gerade noch einen Blick auf seine Kleidung. Er hatte wintergerechte Kleider an, aber ziemlich bunt zusammengemixt, so dass die Vermutung nahe liegt, es könne ein Obdachloser sein. Die U-Bahn fuhr wieder an und ich schaute ihm noch durch die Fenster nach: sein Finger ging weiter immer wieder an die Stirn und er sang weiter vor sich hin.

Den Rest der Fahrt verbrachte ich mit der Frage, ob ich dieser Erscheinung Aufmerksamkeit schenken sollte oder nicht. Naja, fragte ich mich, hat der Mann nicht vielleicht sogar Recht. Sind wir nicht alle verrückt, so wie wir durch die Tage hetzen und tun und machen und der Effizienz hinterher rennen? Vielleicht braucht es da jemand, der einfach nur da sitzt und uns den Vogel zeigt. 

Ähnlich hat es Johannes der Täufer gemacht. Er hat sich in die Wüste gesetzt und mit dem Finger auf die feinen und reichen Leute gezeigt. Er hat gesagt: Ihr seid verrückt, wenn ihr meint, euch könnte es gut gehen, wenn ihr rennt und scheffelt und macht. Ihr seid wie der Esel, dem man die Karotte am Stock vor die Nase gebunden hat. Ihr versucht, die Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen und verliert dabei den Kontakt zu euch selbst. Ihr bemüht euch, immer mehr zu brillieren in der zugeschriebenen Rolle und meint, das wäre das Leben. Eure eigene Sehnsucht spürt ihr gar nicht mehr. Vielleicht ist es wichtig, dass dann jemand da sitzt und mit dem Finger an die Stirn tippt: Verrückt ist das! 

Mein Johannes der Täufer hat aber auch gesungen, eine Kindermelodie. Was könnte das heißen? Vielleicht, dass wir unsere Lebensmelodie verloren haben. Als Kinder kannten wir sie noch, doch im Getriebe des Erwachsenenlebens ging sie uns verloren. So hat dieser Prophet gleich zwei Botschaften an mich: er hinterfragt kritisch meinen Lebensstil und den Druck, den ich mir immer mache, die Zeit möglichst effektiv auszunützen. Gleichzeitig zeigt er aber auch, was mir helfen kann. Dass ich wieder hellhörig werde und still, um die Melodie des Lebens zu hören, ja sie wieder neu zu singen wie ein Kind, das vertraut.

„Es begann, wie es beim Propheten Jesaja geschrieben steht: Ich werde meinen Boten vor dir her senden. Er wird dein Wegbereiter sein. Hört, in der Wüste ruft eine Stimme: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Pfade! Das erfüllte sich, als Johannes der Täufer in der Wüste auftrat.“ (Mk 1,2-4)
In diesem Sinne wünsche ich eine gesegnete Zeit des Advents!

Pater Thomas Heck SVD