04.07.2020 | zu Matthäus 11,25-30

In Gleichklang mit der Schöpfung kommen

Die gegenwärtigen Krisen zeigen dem Menschen, dass er nicht mit, sondern gegen die Schöpfung lebt. Jesus zeigt den heilsamen Weg in einen neuen Frieden.

Irdische Sicherheiten sind trügerisch. Sie lähmen die Seele, die in Einfachheit und Armut empfangen will. 
Irdische Sicherheiten sind trügerisch. Sie lähmen die Seele, die in Einfachheit und Armut empfangen will.

Im Matthäusevangelium, Kapitel 10 beruft Jesus seine Jünger und stattet sie mit der Vollmacht aus, Menschen so zu bejahen, wie auch sie von ihm bejaht worden sind. Er zeigt ihnen, wie sie ihre Ängste im Vertrauen auf ihn überwinden können. Und er fordert sie auf, entschieden zu leben und Zeugnis zu geben, selbst wenn es anderen nicht gefällt.

Nach der Unterweisung der Jünger erhebt Jesus dann (Kap. 11) Klage über die Menschen und Städte, die die Botschaft Gottes zwar hören, aber keine Konsequenzen daraus ziehen. Anstatt ihr Verhalten zu ändern, meckern sie über die Propheten oder lassen es zum einen Ohr hineingehen und zum anderen gleich wieder hinaus. Jesus spricht auch vom Gericht. Ja, es gibt eine Berufung zum Mitwirken mit Gottes Liebe und Wahrheit, der wir gerecht werden müssen, sonst wird es uns nicht gut gehen. Den kleinlichen Buchhalter-Gott gibt es nicht. Aber unser Tun wird seine Auswirkungen haben und Früchte bringen, je nach der Gesinnung, aus der wir handeln. 

Werden die Menschen materielle Sicherheiten anhäufen, in dem Versuch, ihre Angst um das eigene Ausgesetztsein zuzudecken, werden sie nach dem Beifall der anderen gieren, aus der Angst heraus, unbedeutend zu sein, werden sie anderen Gewalt antun und sie unterdrücken, aus der Angst heraus, ohnmächtig zu sein, so wird das seine Früchte tragen. Und wir erleben es in dieser Zeit, wie bitter die Früchte dieses Kreisens in Angst um sich selbst schmecken. Denn alle Krisen dieser Zeit haben m.E. einen gemeinsamen Ursprung: den Unfrieden im Herzen des Menschen. Da braucht es keinen Richter im Himmel, der uns zeigt, wie aus der Ordnung gekommen unsere Beziehungen zum Leben, zu uns selbst und zu Gott sind. Die Erde selbst erhebt ihre Stimme und lässt uns spüren, dass wir aus dem Schöpfungsplan Gottes ausgeschert sind und die wundervolle Ordnung Gottes stören.

„Und Jesus sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.“ (Mt 11,25-26) In unserer Zeit schenken die Menschen den Neuigkeiten und den Medien so viel Aufmerksamkeit, sie glauben so sehr an das, was sie mit ihren Augen sehen und ihrem Verstand erfassen können, um gleichzeitig alles, was darüber hinausgeht, abzulehnen. Aber gerade vor diesem willentlichen Erfassen des Menschen bleibt verborgen, was wesentlich ist für unser wirkliches Leben. Jesus hat den Schneid, dafür den Vater sogar zu preisen. Warum eigentlich? Nun, weil damit das Gesetz des Stärkeren, der über die Schwachen siegt, durchbrochen wird. Die wahre Weisheit wird nicht vom fleißigen Menschen erkämpft und nicht vom reichen Menschen erkauft, sondern sie wird vom Vater verschenkt an das Herz, das ihm Vertrauen schenkt. Das, was sich uns als stark und mächtig zeigt, mag in der Welt stark und mächtig sein, doch im Friedensreich, das Jesus unter uns aufbaut, ist der größte Reichtum ein demütiges Herz, das um die eigene Schwäche weiß und sich so dem Segen des Größeren zu öffnen weiß. In der Bergpredigt sagt Jesus es so: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 5,3)

Weiter spricht Jesus im Evangelium: „Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11,27) Zugang zur Fülle, zum Leben, zum vollumfänglichen Frieden, zur Gerechtigkeit und zu vielem mehr gibt es nur über Jesus. Wobei „Jesus“ hier nicht einschränkend zu verstehen ist auf die historische oder kirchliche Gestalt. Es geht um die Haltung, das Wesen und den Geist, welche Jesus verkörpert; die sind der Weg, die Wahrheit und das Leben; natürlich auch für alle, die sie mit anderen Namen benennen. In diesem Sinne ist Jesus die Kommunikationsschnittstelle und das Portal zum Vater. An ihm können wir ablesen, wie wir unser Leben gestalten sollen, damit wir verbunden leben mit der Schöpfung, mit uns selbst und mit allen Menschen, in Liebe und Versöhntheit. 

Der Mensch findet zum Gleichklang mit der Schöpfung, wenn er zum Schöpfer findet. 
Der Mensch findet zum Gleichklang mit der Schöpfung, wenn er zum Schöpfer findet.

Und Jesus spricht diese wunderbare Einladung aus: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28) Wir dürfen es wagen, uns ihm anzuvertrauen in unserer Not, mit unseren vergeblichen Anstrengungen, unserem Ausgelaugtsein, mit aller Enttäuschung und Verletzung. Er kümmert sich um uns und wird unsere Wunden versorgen und verbinden. So werden wir im Inneren einen Frieden finden, den wir selber nicht herstellen können, was auch immer wir veranstalten.

„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,29-30) Ein Joch auf sich nehmen - wer will das schon? Ist doch viel angenehmer, jedes Joch abzuwerfen und in Freiheit zu leben! Das ist ein guter Gedanke, allein die Wirklichkeit zeigt etwas völlig anderes. Je mehr wir meinen, uns von Gott, von Pflichten und Gesetzen zu befreien, umso schwerer drückt das Joch, das auf unseren Schultern lastet. Wir beladen uns mit dem Zwang, uns selbst erheben, beweisen und retten zu müssen. Das jedoch überfordert uns und führt in den Burnout, die gesamte Schöpfung aber in die Krisen, wie wir sie jetzt erleben.

Unser geschöpflicher Platz in der Ordnung des Kosmos ist der, dass wir von Gott abhängig sind. Die wirkliche Weisheit ist zu erkennen, dass uns diese Abhängigkeit nicht unfrei macht oder knechtet - im Gegenteil! Wenn wir unser Geschöpfsein bejahen und uns Gott zuwenden, dann wird er unser Leben zu größerer Weite und Blüte führen, wie wir sie aus eigener Kraft nie erreichen können.

In einem Buch der österreichischen Missionarin in Uganda, Maria Luise Prean-Bruni, habe ich folgende Geschichte gelesen, die ich mit dir teilen will (Komm in deine Bestimmung. Witten, SCM, 2014: 55-56):

„Vor Jahren war bei einem unserer Seminare eine Frau, die während der Predigt bitterlich zu weinen begann. Ich ging zu ihr und fragte sie, was denn los sei, aber sie schluchzte und schluchzte nur. Sie war eine tüchtige und erfolgreiche Geschäftsfrau. Als sie sich beruhigt hatte, erzählte sie mir, dass sie gesehen hatte, wie Jesus vor ihr steht, ihr die Hand entgegenstreckt und sie bittet, vom Thron ihres Herzens herabzusteigen, sodass er sich dort hinsetzen kann. Sie zitterte am ganzen Körper und wiederholte nur immer: »Ich verliere die Kontrolle, ich verliere die Kontrolle. Wenn ich heruntersteige, dann kann er mit mir machen, was er will!«

Letztendlich hat sie sich dem Willen Jesu untergeordnet, ist heruntergestiegen und hat sich neben ihn gestellt. Dann sah sie, wie er hinaufstieg und den Thron ihres Herzens einnahm. Kurz danach winkte Jesus ihr zu und lud sie ein, zu ihm zu kommen. Er rückte auf die eine Seite ihres Herzensthrons und machte ihr Platz, damit sie neben ihm sitzen konnte.

Der Besitzwechsel hat stattgefunden und Jesus hat für immer den ersten Platz bekommen. Der Friede Gottes, der alles menschliche Verstehen übersteigt, kam in ihr Herz und sie war ein neuer Mensch, frei davon, immerzu getrieben zu sein und sich überall und allezeit durchsetzen und beweisen zu müssen.“
Ich finde, diese Geschichte zeigt sehr anschaulich, was es bedeuten kann, Jesus als Herrn anzuerkennen. Er missbraucht seine Macht niemals, sondern teilt sie mit uns und ermächtigt uns erst zu wirklicher Freiheit.

Und wo zögerst du noch, Jesus den ersten Platz in deinem Leben einzuräumen? Was hindert dich daran, die Kontrolle abzugeben und dich ihm ganz anzuvertrauen? Ja, er kann dann mit dir machen, was er will. Aber das ist das Beste, was dir jemals passieren kann, weil er will, dass du lebst und zwar in Fülle und Glück, in Einklang mit dir und mit der Schöpfung!

Pater Thomas Heck SVD