26.07.2020 | zu Matthäus 14,13-21

Wer das Brot teilt, heilt die Welt

Wir brauchen ein neues Bewusstsein für unsere Welt. Wir Christen haben da eine wirkliche Alternative zu bieten. Entdecken wir neu, was Jesus uns zeigt!

Eine Messe im schönen Garten der Natur verbindet uns in Freude miteinander und mit dem Schöpfer. 
Eine Messe im schönen Garten der Natur verbindet uns in Freude miteinander und mit dem Schöpfer.

Letztens durfte ich mit 20 Versammelten einen Gottesdienst unter dem Lindenbaum feiern, das war ein wirkliches Geschenk. Es ist ja immer noch schwierig, mit all den Auflagen einen Raum zu bekommen. So war geplant, die Messe in der Kirche zu feiern.

Aber dann war es so ein schöner Sommerabend, dass wir uns kurzfristig entschieden, Bänke und Tisch ins Gras zu stellen und dort zu feiern. Und Gott hat uns in seiner Schöpfung geküsst. Es war einfach die Freude da, miteinander zu sein, einander erzählen zu können, wie es uns ging und mit dem Fest der hl. Maria Magdalena die Würde der Frau und die Bedeutung ihrer Berufung zur Apostelin zu feiern. Es wurde uns wieder so deutlich, wie stark unser Glaube und unser Menschsein von der Begegnung und von der Gemeinschaft lebt.

Und das ist auch ein gutes Stichwort, wenn wir auf die erste Brotvermehrung im Matthäusevangelium schauen. Ja, es gibt tatsächlich eine zweite solche Erzählung direkt im darauffolgenden Kapitel. Allein das zeugt schon von der Wichtigkeit des Themas. Für mich geht es in dem Evangelium um die Bereitschaft zu Hingabe und Vertrauen. Wenn wir Menschen das lernen könnten - und der beste Meister in diesen Künsten ist unser Herr Jesus Christus -, dann würden wir in der Welt nicht mehr gegeneinander kämpfen und uns nicht mehr gegenseitig bestehlen. Dann würden wir auf diesem Planeten einen Frieden und eine Gerechtigkeit schaffen, die jeder und jedem den Platz und die Sicherheit gibt, die sie und er brauchen. Das klingt wie das Paradies, und genau das ist es, was Jesus möglich macht, wenn wir von ihm lernen. Ja, so weltbewegend ist im Grunde seine Botschaft. Jesus nennt es das „Reich Gottes“. Damit ist kein Ziel jenseits dieser Welt gemeint und nicht irgendwann am Ende der Zeiten, nein, es geht um die wachsende Wirklichkeit mitten in dieser Welt, dort, wo Menschen Gott Raum geben und ihm Vertrauen schenken.

Jesus hat gerade erfahren, dass sein Cousin, Johannes der Täufer, vom regierenden Herrscher, umgebracht wurde. Herodes hatte sich in einer vergnügten Partystunde hinreißen lassen, der Tänzerin jeden Wunsch zu erfüllen. Als diese den Kopf Johannes des Täufers forderte, wollte er sich vor den Gästen keine Blöße geben und bekennen, dass er diesen heimlich verehrte und immer wieder zu einer Unterredung aufsuchte. (vgl. Mk 6,20) So entschied er sich, lieber sein Gesicht zu wahren und ihn enthaupten zu lassen.

Das ist der dunkle Hintergrund, auf dem wir nun die Erzählung von der Gemeinschaft hören, die am wenigen Brot satt wird und Glück im Miteinander-Teilen erfährt. Jesus war sicher bestürzt, dass es mit seinem Cousin so geendet hat. Und das ist ja auch kein gutes Vorzeichen für seinen eigenen Weg. Er war sicher traurig. Aber als er die Menschen sieht, die ihn suchten, da ist er fähig, die Trauer loszulassen und sein Herz für die Menschen zu öffnen und ihre Not zu spüren. Statt nur um sich, kümmert er sich um die Menschen und heilt ihre Krankheiten. 

Als darüber Stunde um Stunde vergangen ist und es schon spät wurde, machen sich die Jünger Sorgen um die Verköstigung der Menge. Ihre Lösung aus einem Denken von Mangel und Begrenzung heraus heißt: Die Menschen sollen weggehen, dann kann jeder für sich selbst sorgen. Wie wird Jesu Aufforderung in ihren Ohren geklungen haben: „Die Menschen brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!“? Hat Jesus den Bezug zur Realität verloren oder ist er naiv? Die Jünger antworten: „Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische hier.“ Mit andern Worten: Das funktioniert nicht, das ist viel zu wenig, das wird eine Katastrophe, wenn so viele Menschen über so wenig Nahrung herfallen und sich das gegenseitig aus der Hand reißen. 

Und wie oft sind wir in diesen Gedanken gefangen: Das kann nicht klappen! Das ist viel zu wenig! Das wird ein Desaster, wenn wir es versuchen. Wie viele gute Ideen und Initiativen kommen nicht zum Leben aus der Angst heraus, damit vielleicht zu scheitern!

Wenn alle etwas auf den Tisch geben, werden alle satt. 
Wenn alle etwas auf den Tisch geben, werden alle satt.

Jesus sagt: „Bringt sie mir her!“ Tatsächlich ist es so, wenn wir bei unseren Ideen und Initiativen nur unsere eigene kleine Kraft ins Kalkül ziehen, dass wir dann damit wahrscheinlich scheitern werden. Wir müssen lernen, dass wir mit allem zu Jesus kommen dürfen. „Bring deine Gedanken, deine Sehnsucht, deine Wünsche her zu mir.“ Jesus bringt alles, was wir ihm anvertrauen, in den gesunden Kontext unserer Geschöpflichkeit, mit Lob und Dank vor den Schöpfer selbst. Wir dürfen lernen, unsere Ideen und Impulse, unsere Fähigkeiten und unsere Sehnsucht als Teil des ganzen Kosmos zu sehen. Das bedeutet, es geht nicht nur um uns, sondern wir erspüren etwas, was das Bedürfnis der Schöpfung und damit Gottes selbst ist. So wird die Schöpfung uns unterstützen und nicht gegen uns arbeiten, wenn wir uns ihr anvertrauen. 

Wenn Jesus anordnet, dass sich die Leute ins Gras setzen sollen, dann geht es darum, dass sie in Kontakt kommen mit der Schöpfung, deren Teil sie sind. Sie sollen die Erde spüren, die sie trägt und für sie sorgt. Das ist der heilsame Rahmen, in dem wir Menschen wieder verstehen, wie eingeordnet wir in das Ganze des von Gott getragenen Kosmos sind. 

Jesus gibt die Gott übergebenen und in Stücke gebrochenen Brote an die Jünger zurück. Die müssen nun lernen, über ihre Ängste hinaus Jesus Vertrauen zu schenken und mit dem Wenigen zu den Leuten zu gehen, auch wenn ihr Verstand Alarm schlägt. Und siehe, das Wunder geschieht. 

Nein, es geht hier nicht um Magie oder um einen Multiplikationszauber. Ein viel größeres Wunder passiert. Indem die Jünger bereit sind, ihre Ängste und die Sorgen um Knappheit hinter sich zu lassen, indem sie stattdessen Vertrauen auf Jesus wagen, setzt sich das wie eine Welle in die Menge fort. Auch sie lassen nun ihre Ängste um sich selbst los und fangen an zu teilen. Alle packen ihren kleinen mitgebrachten Vorrat aus und legen ihn in die Mitte der Gruppe. Und alle essen, ohne die Angst, vielleicht nicht satt zu werden. Sie essen und sättigen sich. Nicht nur am Brot aus Getreide, mehr noch an dem Vertrauen zueinander, das möglich wurde, weil Jesus und die Jünger sie dazu angestiftet haben. 

So könnte ein neues Bewusstsein in der Welt wachsen. Wenn wir Christen unsere Ideen und Fähigkeiten zu Jesus bringen, uns nicht abhalten lassen, wenn unser Verstand auch meint, dass aus hundert Gründen daraus nichts werden kann. Übergeben wir das Wenige, das wir sind und haben, an Jesus und vertrauen wir ihm, dass er daraus etwas Wunderbares machen kann, was wir nicht erahnen. Und achten wir die Wirkung nicht zu gering, die das Vertrauen weniger Menschen auf eine große Menge hat. In der Brotvermehrung geschieht das Wunder, das unsere Welt heilen kann.

Pater Thomas Heck SVD