10.02.2020 | zu Johannes 5,6-9

Bist du lieber Spielball oder Regisseur deines Lebens?

Oft drängt uns das Leben in Situationen hinein, die wir nicht gewählt haben. Wir können jedoch immer frei entscheiden, wie wir damit umgehen. Das machen wir uns oft zu wenig bewusst.

Ein Ball im Spiel anderer zu sein, mag manchmal einfacher scheinen. Doch es ist nicht der Sinn des Lebens. 
Ein Ball im Spiel anderer zu sein, mag manchmal einfacher scheinen. Doch es ist nicht der Sinn des Lebens.

Wenn man hier in Bayern jemandem die Frage stellt: „Wie geht’s?“, dann bekommt man sehr oft zu hören: „Basst scho!“. Das will so viel heißen, wie „Es geht schon!“. Natürlich sagt das über den wahren Gemütszustand der Person sehr wenig aus. Dieses Fragen nach dem Ergehen ist ja auch irgendwie zur Floskel verkommen und erwartet oft gar nicht eine tiefschürfende Antwort. Es ist ein eingespieltes Ritual der Kontaktaufnahme. Dieses „Basst scho!“ scheint mir eher aussagen zu wollen: „Lass mich in Ruhe! Es geht schon alles seinen Gang und genauer will ich da gar nicht hinschauen.“ Ja, merkwürdigerweise kommt der kurze bayerische Satz selten aus einem fröhlichen Gesicht, eher sind da Sorgenfalten zu sehen, ist ein Verkniffen- oder Gedrängtsein zu verspüren.

Wenn ich aber nun wirklich am Ergehen der Person interessiert bin, lässt mich dieses „Basst scho!“ ratlos zurück. Ich frage mich dann, soll ich lieber nicht weiter nachfragen? Ist es der Person unangenehm, über sich zu sprechen oder auf ihren Gemütszustand zu schauen? Ja, ich gewinne manchmal den Eindruck, dass ich lieber nicht so genau nachfragen soll, damit die Person nicht damit konfrontiert wird, dass ihr das Leben eben gerade nicht passt, so wie es ist. Krasser ist ja dann noch die Antwort, die ich hin und wieder höre: „Muss ja!“. Da bleibe ich wirklich mit offenem Mund stehen (zumindest innerlich) und frage mich, was diese Person in ihrem System gefangen hält, dass sie offensichtlich gar nicht mag und ihr nicht gut tut.

In meiner gestalttherapeutischen Ausbildung haben wir gelernt, dass es manchmal hilfreich ist, einem Klienten anzubieten, er solle in einem Satz, in dem er „müssen“ verwendet, einmal stattdessen von „wollen“ sprechen. Also z.B. statt: „Ich muss diesen stressigen Job machen“ einmal zu formulieren: „Ich will diesen stressigen Job machen.“ Manchmal kommt da gleich ein Protest: „Nein, ich will das ja gar nicht! Ich muss halt! ... Wie sollen wir mit der Familie sonst über die Runden kommen?“ Aber das ist nicht die Wahrheit. Wenn ich das „Müssen“ in meiner Aussage verwende, mache ich mich selbst zu einem Spielball anderer und gebe die Freiheit meiner Entscheidungsgewalt aus der Hand. 

Wenn ich im inneren Frieden leben will, so ist es wichtig, aus jedem „Müssen“ ein „Wollen“ zu machen. Aber wie soll das gehen? Da gibt es immer die drei Möglichkeiten: „Love it, change it or leave it.“ Auf Deutsch: „Lerne, es zu lieben, verändere es oder verlass es.“ Wenn die Frau, die sagt, dass sie diese stressige Arbeit machen muss, sich einmal bewusst macht, wie es ihr wirklich damit geht, dann ist das schon der erste Schritt in eine größere Freiheit. Das „Basst scho!“, scheint manchmal im Grunde auszusagen: „Es passt halt eben nicht, aber ich sehe auch nicht, wie ich was verändern könnte.“

Die drei Möglichkeiten: „Lerne, es zu lieben, verändere es oder verlass es“ helfen hier weiter. „Lerne, es zu lieben“: Schau mal, ob du die Arbeit, die dich offensichtlich so unter Druck setzt, mit einer positiven Motivation erfüllen kannst: Du kannst dich mit deiner Kreativität einbringen, etwas gestalten aus deinen Ideen. Du kannst einen sinnvollen Dienst für andere Menschen leisten. Vielleicht erfüllst du mit der Arbeit auch etwas, was zu deinem Lebensauftrag gehört. Die Arbeit ist eine Herausforderung, zu wachsen und dich mehr zu entfalten. Wie wäre es, wenn du diese Arbeitsstelle nicht hättest; was würde dir fehlen? Und anderes mehr. 

Welche Grenzen dir auch immer auferlegt werden, es kommt darauf an, was du daraus machst. 
Welche Grenzen dir auch immer auferlegt werden, es kommt darauf an, was du daraus machst.

„Verändere es“: Lass dich nicht zum Opfer machen, sondern schaue, was für dich eine zu schwere Last ist, wo du unfrei bist und leidest. Prüfe, ob der Stress, den du erlebst, aus deinen eigenen Perfektionsansprüchen kommt oder von außen. Arbeite daran, weniger perfekt sein zu müssen, mache Pausen, lobe dich selbst für Geleistetes. Wenn der Druck von außen kommt, sorge für Entlastung, Delegation, weniger Überstunden. Bitte um eine Gehaltserhöhung oder eine Versetzung an eine andere Stelle. Spreche mit deinen Vorgesetzten, denn auch sie sollten daran interessiert sein, dass du in einem gesunden Arbeitsklima stehst. Tue etwas dafür, dass es dir besser geht.

„Verlass es“: Manchmal ist es nötig, einen Schnitt zu machen, damit man nicht draufgeht. Es gibt genügend Menschen, die wegen ungesunder Arbeitsbedingungen oder Mobbing ins Burnout rutschen oder auf andere Weise krank werden. Manchmal ist es notwendig, die Arbeitszeit zu reduzieren, eine Sabbatzeit einzulegen oder zu kündigen. Es ist anerkennenswert, wenn man so viel Disziplin besitzt, dass man seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt und funktioniert, wie es andere erwarten. Aber das darf man nur für eine Phase lang tun und muss sehr gut hinspüren, ob man noch seinem eigenen Lebenssinn und -ziel gerecht wird. 

Wer sagt, ich muss, der will nichts ändern oder sieht sich nicht in der Lage dazu. Denn die Wahrheit ist: Gehen tut alles, wenn man es will. Natürlich hat auch alles seine Konsequenzen und es kommt auf die Prioritäten an. Wenn du also sagst, du würdest gerne mehr Zeit für Familie und Freizeit haben, du musst aber so viel arbeiten, dann bedeutet das im Grunde: viel Geld verdienen ist dir wichtiger als dein Wohlbefinden und die Zeit für Familie und Hobby, deshalb arbeitest du so viel. Prüfe einmal diese Aussage, ob sie so stimmt für dich, denn sie macht bewusst, um was es wirklich geht. Und wenn sie nicht stimmt und du spürst, dass du mehr Zeit für dich und für andere brauchst, dann sorge dafür, dass du weniger arbeitest und frei bist, zu tun, was dich erfüllt und nährt. 

Das Tolle daran, wenn du dafür sorgst, dass es dir besser geht, dann kannst du auch deiner Arbeit mit mehr Zufriedenheit und Kreativität nachkommen. Es wird dir besser gehen auch mit der Zeit, die du bei der Arbeit bist. Das Geheimnis ist: Für das, was dir wichtig ist, findest du immer die Zeit und dafür sollst du dir auch immer die Zeit nehmen! Mach dir deine Prioritäten im Leben bewusst und beginne, dich mehr danach auszurichten. „Lerne, es zu lieben, verändere es oder verlass es“. Überprüfe dein Leben an diesen Aussagen und du wirst spüren, dass in dir die Zufriedenheit wächst, ja, die Freude und das Glück.

Als biblische Geschichte fällt mir dazu der Gelähmte am Teich Betesda ein. Der ist es gewohnt, seinen Zustand zu bejammern, sich als Opfer zu sehen. Die einzige Hoffnung, die ihm bleibt, ist es darauf zu warten, dass er in den aufwallenden Teich kriechen und Heilung erlangen kann. Doch weil ihm keiner hilft, ist immer jemand anders schneller und seine Hoffnung wird zunichte. Das geht jahrzehntelang so, bis eines Tages Jesus auf ihn zukommt und fragt: „Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging.“ (Joh 5,6-9) 

Jesus holt den Gelähmten heraus aus dem Warten um eine Lösung von außen und dem Immer-neu-enttäuscht-Werden. Er schenkt ihm den Glauben an die eigene Kraft, nämlich aus der Situation aufzustehen und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und so merkt er, dass er seine Lebenswirklichkeit selber verändern und aktiv gestalten kann. Er muss nicht länger Spielball der Erwartungen und Angebote der anderen bleiben.

Pater Thomas Heck SVD