23.02.2020 | zu Psalm 18,3

Wenn der Matrose die Sehnsucht aufs Meer verliert

Ich fordere die Kirche auf, sich mit den Menschen auf die Suche nach einer Spiritualität zu machen, die uns die großen Herausforderungen unserer Zeit bestehen lässt!

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, so sagt Martin Buber. Das müssen wir in der Kirche neu ernst nehmen! 
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, so sagt Martin Buber. Das müssen wir in der Kirche neu ernst nehmen!

Es ging zu Ende mit ihrem Leben und die Frau, die in den Neunzigern war, stellte sich die Frage, wie sie dem Tod begegnen konnte. Und sie stellte sie jedem, der zu ihr ins Zimmer kam. Und es kam der junge Pfarrer zu ihr. Sie fragte ihn: „Wie kann ich dem Tod begegnen?“. Der Seelsorger schien etwas verwirrt ob dieser direkten Frage. Und er versuchte, der Sterbenden Trost zu schenken aus seinem Gebetbuch, in dem von der Herrlichkeit des Himmels die Rede war. Aber die Frau ließ nicht locker und fragte lauter: „Aber wie kann ich dem Tod begegnen?“ Der Pfarrer ließ ratlos die Hände sinken, mit denen er das Buch umfing, besann sich auf die christliche Lehre und sprach der Sterbenden über den Tod und das ewige Leben. Die Sterbende wurde ungehalten und schrie: „Aber wie soll ICH dem Tod begegnen? - Können Sie mir dazu nichts sagen?“ Betretenes Schweigen. „Dann lassen Sie mich in Ruhe und gehen Sie!“

Eine dramatische Situation, die traurig macht. Da ist eine Person in ihrer existentiellen Not und niemand kann ihr wirklich die Unterstützung geben, die sie braucht. Natürlich ist es eine schwierig zu beantwortende Frage, aber wahrscheinlich geht es der Frau erst einmal darum, dass sich jemand Zeit nimmt für sie, dass jemand fragt, wie es ihr geht. Im Gespräch kann sich dann zeigen, was der Frau wichtig ist, wie ihr Leben war und von daher auch, was für die letzten Tage dieses Lebens noch wichtig ist. In unserer modernen Gesellschaft, wo vom Tod zu sprechen tabu ist, erlebe ich ganz viel Hilflosigkeit. Hilflosigkeit, die der Priester dadurch zu überdecken sucht, indem er sich an überlieferte Gebete und die großen Gedanken der Theologie hält. Aber sie helfen der Sterbenden nicht, sie lassen sie nur noch mehr spüren, wie allein gelassen sie bleibt mit ihren Fragen.

Manchmal kommt es mir in der gegenwärtigen Kirchensituation genauso vor. Hier fragen die Menschen eher: „Wie kann ich dem Leben begegnen?“ und wir zitieren aus den Gebetbüchern und verweisen auf die Dogmen und Gebote. Und sie fragen weiter: „Aber wie können wir denn Lösungen finden für die großen Krisen unserer Zeit: für Flüchtlingsströme, Klimaerwärmung, Kriege und Ungerechtigkeit im Großen wie im Kleinen?“ Und wir zitieren, was große Lehrer gesagt haben, wir verweisen auf die Traditionen der Kirche und was sie schon immer gelehrt hat. Und die Menschen werden ungehalten und schreien: „Wenn ihr uns nicht sagen könnt, wie WIR dem Leben begegnen können, dann lasst uns in Ruhe und geht!“

Die Kirche zeigt sich so hilflos vor den großen Herausforderungen unserer Zeit. Sie lässt sich einfangen in internen Diskussionen und flüchtet vor den echten Fragen des Lebens doch nur wieder hinter die Mauern ihrer ewigen Wahrheiten, die sie seit Jahrhunderten verteidigt. Warum hat sie nicht den Mut, sich den Fragen nach der Gleichberechtigung der Frau, nach der Würde der Geisteskraft in jedem Gläubigen, nach der Würde jedes Menschen, gleich welcher Orientierung, zu stellen? Es gibt offensichtlich eine große Angst, dass die Burg, die man sich aus Traditionen und Regeln gebaut hat, zu bröckeln beginnen könnte, wenn man auch nur an einer Stelle Veränderung zuließe. Diese Burg jedoch ist nicht die, von der der Psalmist singt: „HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.“ (Ps 18,3) Die Burg, in der die Kirche sich verschanzt, ist gebaut aus Steinen der Angst und der Verunsicherung. 

Wir alle kennen Albert Einstein als einen großartigen Wissenschaftler, der die Gesetze des Kosmos wie kein anderer durchschaute, der Formeln entwickelt und Gesetze beschrieben hat, die sich erst in unserer Zeit experimentell nachweisen lassen und als richtig herausstellen. Einstein war aber gleichzeitig auch ein sehr spiritueller Mensch, der tiefe Einsichten in das Leben hatte. Eine solche lautet: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Werft den alten Ballast ab und begebt euch wieder auf die Fahrt ins Leben! Der Geist Gottes wird euch leiten. 
Werft den alten Ballast ab und begebt euch wieder auf die Fahrt ins Leben! Der Geist Gottes wird euch leiten.

Das hieße für die Kirche: Umdenken, Umkehren, wirklich einmal auf die Bedürfnisse der Menschen von heute schauen ohne zu meinen, schon alle Antworten zu haben. Sich mit den Menschen auf den Weg machen und vor allem: ihre Fragen aushalten, die eigene Hilflosigkeit aushalten, Stille wagen, sich in der Hinwendung zu Gott Seinem Geist öffnen und horchen, welche Antwort von Ihm kommt. Die Kirche ist oft mit dem Bild eines Schiffes verglichen worden. Mir kommt sie so vor wie ein Segelschiff, auf dem die Matrosen ihre Sehnsucht verloren haben. Sie haben vergessen, wie wundervoll es ist, aufs offene Meer hinauszufahren, getrieben nur von der Kraft des Windes. Die heutigen Matrosen haben sich darauf geeinigt, dass es doch viel sicherer ist, den schweren Anker auf dem Grund des Hafenbeckens zu lassen. Ja, sie haben alle Segel eingerollt und noch weitere Anker ins Wasser geworfen, damit das Schiff ganz sicher an der vertrauten Stelle bleibt. Sie haben es sich darauf bequem eingerichtet und das Schiff mit vielen Traditionen beladen, so dass es gar nicht mehr seetüchtig ist. 

„Wandelt euch durch ein neues Denken“, so werden die Christen im Römerbrief aufgefordert. (Röm 12,2) Wie wäre es, die gedankliche Trennung in Sakral und Profan, in heilige Kirche und sündige Welt aufzugeben? Wie wäre es zu denken, dass wir gerade in der Begegnung mit den Menschen von heute, mit ihren Fragen und Sorgen, Gott und seinem Geist neu auf die Spur kommen könnten? Es werden keine Antworten sein, die schon lange in den gehüteten Büchern stehen. Es wird neue Antworten brauchen und der Geist wird uns miteinander zu ihnen führen. Doch dafür müssen wir das Schiff erst wieder seetüchtig machen und allen unnötigen Ballast über Bord werfen. Dafür müssen wir den Matrosen erzählen, wie herrlich das weite Meer ist und wie reich die Länder, die es zu entdecken gilt. Jede Gefahr, die wir auf der gemeinsamen Reise bestehen, wird uns näher zueinander führen und wir werden erfahren, wie wir dem Leben begegnen können. Und vielleicht auch dem Sterben. 

Also dann: Schiff ahoi!

Pater Thomas Heck SVD