08.07.2021 | zu 2. Korinther 12,9

Wenn Gott nicht handelt, wie er soll

Ich bin ein kleiner Mensch und meine Einsicht in das Leben und die Zusammenhänge ist gering. Trotzdem möchte ich, dass Gott so handelt, wie ich will und wie ich es erbitte. Aber das geschieht oft nicht. Ich kann nur darauf vertrauen, dass Gott anders handelt, weil er das Ganze sieht und weil er weiß, wie es für alle das Beste ist.

Wenn ich, auch ohne es bewusst zu haben, die Faust balle, ist die Hand nicht mehr offen zu empfangen. 
Wenn ich, auch ohne es bewusst zu haben, die Faust balle, ist die Hand nicht mehr offen zu empfangen.

Irgendwie spürte ich mich in letzter Zeit wieder fern von Gott, so als wäre eine Dämmschicht zwischen ihm und mir. Nun, ich weiß aus meinem Glauben und Gottesverständnis, dass es an Gott nicht liegen kann, denn Gott ist seinen Geschöpfen immer zugewandt. Es muss etwas auf meiner Seite sein. Mir selber aber auf die Schliche zu kommen, das ist manchmal die größte Herausforderung.

Wenn dieses Empfinden der Gottferne da ist, frage ich bei Menschen, die Begleitung bei mir suchen, gerne, ob sie irgendeinen Grund haben, auf Gott wütend zu sein. Als guter Christ mag man sich das ja gar nicht zugestehen, denn das darf man doch nicht! Doch, es ist sogar ganz wichtig, sich auch der Gefühle des Widerstands und der Auflehnung gegen Gott bewusst zu werden und ihnen einen Platz im Gebet zu geben.

Also fragte ich mich selbst, ob ich einen Grund hatte, wütend auf Gott zu sein. Es dauert immer eine Weile, bis ich dann spüre, was wirklich in mir los ist. Dafür muss ich erst alle Wünsche, wie ich es gerne hätte, muss Erwartungen und Vorstellungen loslassen und mir Zeit nehmen, tief in mich hineinzuspüren. Und da kam ein leises: „Ja, ich bin wütend auf Gott!“ Und frustriert war ich auch.

Aber warum? Mir dämmerte, dass es mit zwei Gebetsanliegen zusammenhängen musste, bei denen ich die Erfahrung machte, dass Gott mich nicht erhörte. Wir hatten im letzten Jahr einen Mitarbeiter verloren. Er hatte mehrere Jahre mit seiner Krankheit zu kämpfen, während wir für seine Gesundung beteten, u.a. auch eine Novene. Nach jedem operativen Eingriff schien es ihm wieder besser zu gehen und wir staunten über seine Energie und seinen Lebensmut, mit dem er sich jedes Mal wieder zurückkämpfte. Doch dreimal kam der Tumor zurück und zwang ihn am Ende schließlich in die Knie. Warum hatte Gott uns nicht erhört? Warum, wenn er doch so gerne Heilung schenkte, hatte er sie in diesem Fall zurückgehalten? Es ist doch für ihn ein Leichtes, Krankheit in Gesundheit zu verwandeln, wie wir es bei Jesus gesehen haben. Warum also hatte er sich entschieden, den Mitarbeiter nicht vor dem Tod zu retten? Ja, das nagt an meinem Glauben und Vertrauen auf Gott.

Und nun wiederholt es sich in ähnlicher Weise. Wieder ist ein Mensch erkrankt, der viel für den Cursillo tut und uns hilft, uns im Internet präsent zu machen. Die Krankheit kam plötzlich und der Verlauf beschleunigt sich. Wir beten für ihn, auch wieder mit Novene, doch der zusehenden Verschlimmerung wird kein Einhalt geboten. Wo ist denn Gott, wenn er uns in diesem Anliegen nicht hört und den Menschen nicht rettet vor einem elendigen Dahinsterben? Es tut mir im Herzen weh, und ich hadere mit Gott und verstehe meinen Glauben nicht mehr. Ja, wenn ich es mir zugestehe, dann ist da in mir eine Wut gegen Gott, weil er nicht hilft.

Was ich anderen empfehle, das versuche ich nun auch bei mir selbst. Ich drücke also im Gebet meine Wut aus, ich schreie zu ihm, wie schwer mich diese Zumutung des Leids trifft. Und ich weiß, dass die Wut letztlich nur ein Schutzschirm ist, der sich aufbaut, um das verletzlichere Gefühl dahinter zu verbergen. Hinter der Wut, ja, da fühle ich mich total ohnmächtig und hilflos, denn ich kann nichts machen und an der Situation von Leid und Krankheit nichts ändern. Das ist so schwierig für mich. Aber ich gebe dieser Wahrheit meines Inneren Raum im Gebet vor Gott und lasse zu, dass es da ist, auch wenn ich es eigentlich gar nicht spüren will.

Der Schlüssel dafür, dass der Knoten sich öffnet, ist die achtsame Wahrnehmung dessen, was ist. 
Der Schlüssel dafür, dass der Knoten sich öffnet, ist die achtsame Wahrnehmung dessen, was ist.

Ganz allmählich nehme ich wahr, wie ein wenig mehr Klarheit in der Beziehung entsteht, ja, wie der Knoten anfängt, sich zu lösen. Nicht Gott war mir fern, sondern ich habe ihn durch meine unbewusste Wut auf Distanz gebracht, habe einen Knoten in den Verbindungsstrang gedreht, der sich nun langsam wieder öffnet.

Damit ändert sich allerdings nichts an der Situation des Erkrankten. Ich hoffe jedoch, dass ich in der größeren Klarheit, zu der ich zurückgefunden habe, besser für ihn da sein und ihn unterstützen kann. Das ist wohl wirklich eine Demutsübung: annehmen, dass Gott nicht so handelt, wie ich mir das vorstelle und wie ich es mir wünsche. Gott ist nun einmal nicht der Dienstleister für mein Wohlbefinden, er ist nicht der Versicherungsvertreter, der ein ungefährdetes Leben gewährleistet. Vielmehr stehe ich in seinem Dienst und muss wohl auch akzeptieren, dass er der Herr ist und also bestimmt, wie es läuft.

Dieser Tage war die Lesung aus dem 2. Korintherbrief 12,7-10 dran. Dort erzählt Paulus, wie Gott ihm einen Stachel ins Fleisch gegeben hat, wie er also an einer Krankheit leidet und Gott darum bittet, ihn davon zu befreien. Dreimal hat er in diesem Anliegen gefleht, aber Gott hat ihn nicht erhört und ihn nicht befreit. Stattdessen hat er ihm zu verstehen gegeben: „Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stärker erweist sich an dir meine Kraft.“ (V. 9; GNB)

Uff, das ist etwas Schwieriges, denn wir Menschen wollen ja nicht schwach sein. Wir sind viel lieber der Sieger als der Verlierer, viel lieber oben auf, statt auf dem Boden liegend. Und Gott erwartet von uns, dass wir Einsicht gewinnen in unsere Schwachheit, damit er dann mit seiner Kraft wirken kann? Offensichtlich muss ich akzeptieren, dass Gott anders handelt, als ich es erhoffe und ich muss meine Ohnmacht annehmen, die ich dadurch empfinde. Das nennt sich Vertrauen, das ist wohl der Glaube, der notwendig ist.

Ich bitte dich, Herr, schenke du der Krankheit ihren tieferen Sinn, schenke du dem Leidenden deine offenen Arme, die ihn halten, schenke du Heilung, wo es Heilung braucht. Und ich bitte dich, Herr, schenke du uns die Fähigkeit, auch zu unserer Ohnmacht und Schwachheit zu stehen. Fülle du sie mit deiner Gnade und zeige deine Herrlichkeit, damit wir dich preisen können. Amen.

Pater Thomas Heck SVD