22.01.2021 | zu Markus 3,7-10

Eine Pille für die Heilung

Es sind kindliche Träume, wenn wir von Gott erwarten, dass er alles richten sollte. Jesus fordert uns auf, dass wir uns selbst einbringen, verwandeln und einbeziehen lassen.

Nur die richtigen Pillen finden und alles wird wieder gut? 
Nur die richtigen Pillen finden und alles wird wieder gut?

Ich überlegte mir, was ich wohl zum Evangelium in einer kurzen Hinführung sagen könnte. Aber es fiel mir irgendwie nichts ein. Hatte ich zu hohe Ansprüche, dass es immer etwas Neues sein musste? War die Bibelstelle für mich gerade nicht reizvoll? Bibelstellen sprechen mich im Laufe des Lebens ganz unterschiedlich an, vor allem sind es immer andere Geschichten, in denen ich mich je nach Situation wiederfinde. Manchmal bin ich mehr angesprochen von der Tempelreinigung, denn in mir ist auch ein Bedürfnis, endlich einmal eingefahrene Traditionen umzuwerfen und Platz zu schaffen für Neues. Ein andermal tut mir eine Heilungserzählung gut, weil ich mich innerlich verletzt und bedürftig erlebe. Ja, die Bibel hat immer etwas anzubieten in allen Lebenslagen. Sie ist wie ein riesiger Resonanzraum, in dem die Erfahrungen der ganzen Menschheit wiederklingen und in dem ich meinen eigenen Ton finden kann, indem ich hinhöre und lausche.

Mir war immer noch nichts eingefallen, was ich sagen wollte. Nun war es Zeit für die abendliche Meditation. Seit meinen Exerzitien vor zwei Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mich am Morgen und am Abend für eine halbe Stunde in Stille hinzusetzen und zu meditieren. Wie es uns wohl allen geht, natürlich kriege ich das nicht immer hin, aber ich bemühe mich jeden Tag darum. Es sind nicht immer Dinge von außen, die mich abhalten, oft genug lenke ich mich auch selber ab. Eigentlich eigenartig, ich weiß, dass es mir gut tut und trotzdem ist es immer wieder ein Schritt, den ich mir bewusst machen muss, mich hinzusetzen. Ich mache gute Erfahrungen mit der Meditation. Ich finde oft wirklich zur Ruhe, komme in Kontakt mit einem inneren Frieden und dem Gefühl eins zu sein. Natürlich geht das auch nicht jedes Mal. Da spüre ich einfach, dass es um etwas geht, was ich nicht herstellen kann. Ich kann mich nur immer wieder neu beschenken lassen.

Ich setzte mich also auf meinen Zweiersessel, den Rücken aufrecht und die Hände in der Haltung einer offenen Schale vor meine Leibmitte. Im Schauen auf das Bild an meinem Schrank nehme ich Kontakt auf mit Jesus. Und dann lasse ich los und versuche, einfach da zu sein - mit Ihm. Wenn ich vorher konzentriert etwas gearbeitet habe, dauert es immer länger, mich auf die Meditation einzulassen, denn es kreisen noch die Gedanken. Aber ich versuche dann, in Ruhe den Gedanken anzuschauen, ihn im Gespräch mit Jesus zu benennen und in Freundlichkeit ziehen zu lassen. So werde ich Stück um Stück ruhiger. 

Und dann kam mir mit einem Mal eine völlig neue Perspektive zu der Bibelstelle, wie ich sie zuvor noch nie eingenommen hatte. Das finde ich das Spannende an den biblischen Texten, sie sind immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl ich doch inzwischen jahrzehntelang intensiv mit der Bibel arbeite und sie studiere, es gibt keinen Text, von dem ich sagen könnte, dass ich ihn endgültig verstanden oder erschöpft hätte. Ja, die Bibel ist wirklich ein Lebensbuch und ein Buch fürs Leben, weil es mich durch die verschiedenen Phasen meiner Entwicklung begleitet und immer wieder neue wichtige Impulse bietet. 

Wenn sich in der Meditation etwas auftut, was ich vorher nicht gesehen habe, wenn Ideen kommen, die ich beim eigenen Nachdenken nicht gehabt habe, dann erlebe ich das wie ein Geschenk des Himmels. Ja, da fließt die Energie des göttlichen Geistes, und ich bin die Schale, die empfängt. So spreche ich meinen Dank am Ende der Meditation, ich danke Gott dafür, dass er mich in meine Mitte geführt und für seine Gegenwart geöffnet hat.

Die Stelle aus dem Markus-Evangelium war diese (3,7-10): „Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück. Viele Menschen aus Galiläa aber folgten ihm. Auch aus Judäa, aus Jerusalem und Idumäa, aus dem Gebiet jenseits des Jordan und aus der Gegend von Tyrus und Sidon kamen Scharen von Menschen zu ihm, als sie von all dem hörten, was er tat. Da sagte er zu seinen Jüngern, sie sollten ein Boot für ihn bereithalten, damit er von der Menge nicht erdrückt werde. Denn er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren.“

Wenn ich mich scheue, ganz hineinzugehen, so ist ein kleiner Schubs manchmal hilfreich. 
Wenn ich mich scheue, ganz hineinzugehen, so ist ein kleiner Schubs manchmal hilfreich.

Ich hatte bisher noch nicht bewusster wahrgenommen, wie bedrängt Jesus sich hier erfahren haben muss, wo die Leute in ihrer menschlichen Not von überall her, wie bei einer Sternwallfahrt, zu ihm pilgern. Es gibt in dem Musical „Jesus Christ Superstar“ die sehr eindrückliche Szene, wie Jesus von den herankriechenden lahmen und leidenden Menschen so in die Enge getrieben wird, dass er quasi fliehen muss. Was für ein seltsamer Gedanke das ist: Wir bringen mit unserer Not Jesus in Bedrängnis. Aber ist er denn nicht der Retter, der Erlöser und Heiland, der alle menschliche Not heilen und uns von der Sünde befreien kann?

Zweifellos, das ist er. Aber wirkliche Erlösung, Befreiung und Heilung geschehen nicht einfach durch eine äußere Berührung. Das kommt mir vor wie bei manchen Diabeteskranken, Übergewichtigen und unter Allergien Leidenden, die vom Doktor erwarten, dass er ihnen die passenden Pillen verschreibt und alles geht weiter wie gewohnt. Sie wollen nicht aus ihrer Komfortzone heraus und ihre Gewohnheiten ändern, denn das verlangt schon eine Aufmerksamkeit und Bemühung.

Aber genau darum geht es auch bei dem Weg, den Jesus uns führen möchte. Es geht um Änderung meiner Lebensgewohnheiten, darum, achtsam zu sein für sein Wort, achtsam für meinen Nächsten und auch für meine tiefere Sehnsucht. Ohne mein echtes und beständiges Bemühen werde ich Jesus nicht folgen können und d.h., werde ich nicht in meine größere Berufung als Kind Gottes hineinwachsen können.

Wir können Gott bestürmen mit unserer Not und ihn um Hilfe bitten in allen Schwierigkeiten, aber wenn das unser ganzer Glaube ist, dann ist er sehr einseitig. Dann bringen wir wie in der Erzählung bei Markus Gott und Jesus damit in Bedrängnis und Gefahr. Jesus hat sich von den Jüngern ein Boot bereitstellen lassen. Was hatte er damit vor? Vielleicht würde er damit vor dem Massenansturm fliehen. Vielleicht würde er aber auch, wie er es häufig getan hat, ein Stück auf den See hinaus fahren und die Menschen von dort aus lehren.

Und vielleicht würde er in dieser Weise sprechen: „Freunde, ihr sucht Heilung. Doch der wirkliche Ruf nach Hilfe kommt aus eurer Seele. Ich kann eure leiblichen Gebrechen heilen, aber damit eure Seele zum Heil kommt und sich zur Fülle entfaltet, dabei müsst ihr mitwirken. Das ist ein Weg, der beinhaltet, dass du dein Leben anschaust, dich mit dir selber auseinandersetzt und dir bewusst wirst, was dir wichtig ist und wofür du dich entscheidest. Diesen Weg gehe ich und ich gehe ihn mit euch - aber nicht an eurer statt. Wer immer wirklich zu innerem Frieden und Glück finden will, der wird es nicht von außen bekommen. Er kann es nur auf dem Weg des Lernens mit mir geschenkt bekommen. Die gute Botschaft ist: Ich bin die lebendige Zusage Gottes, dass du vollkommen geliebt bist. Du kannst in dir den Kontakt zu mir finden. Und das gilt für die Menschen aller Zeiten.“

Pater Thomas Heck SVD