01.06.2021 | zu Markus 8,18-21

Wunder gibt es immer wieder

Entdecke die kleinen Wunder um dich herum und halte nichts für selbstverständlich. Danke für jedes Zeichen von Freundlichkeit und Hilfe und lobe den Herrn! Dein Leben wird aufblühen.

Es ist bedrückend, wenn schon Kinder eine Chemotherapie über sich ergehen lassen müssen. 
Es ist bedrückend, wenn schon Kinder eine Chemotherapie über sich ergehen lassen müssen.

Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere an diesen Schlager, den einst Katja Ebstein (1970) gesungen hat: „Viele Menschen fragen: ‚Was ist Schuld daran, warum kommt das Glück nicht zu mir?‘ Fangen mit dem Leben viel zu wenig an, dabei steht das Glück schon vor der Tür. Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehen. Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“

Von so einem Wunder habe ich gestern in meiner Nachrichten-App gelesen. Das aufgeweckte Mädchen Fiona erhielt mit vier Jahren plötzlich die Diagnose Leukämie. Das hat das Leben der Familie von heute auf morgen auf den Kopf gestellt. Es ging sofort los mit der Chemotherapie, sie mussten immer wieder ins Krankenhaus. Die kleine Fiona zeigte große Stärke und hat alles tapfer mitgemacht, auch wenn sie durch die Chemo ihre Haare verlor, auch die Wimpern und Augenbrauen. Die Blutwerte verschlechterten sich und die Darmschleimhaut wurde entzündet, was immer wieder ziemliche Schmerzen verursachte, aber die Kleine zeigte großen Durchhaltewillen. Auch für die ein Jahr ältere Schwester, die sich sehr um die jüngere sorgte, und für den Vater, der LKW-Fahrer ist, wurde die Krankheit zu einer Belastung.

Die Mutter arbeitet beim Dänischen Bettenlager als Verkäuferin und nahm sich immer wieder frei, um ihre Tochter begleiten zu können. Doch bald waren ihre ganzen Urlaubstage aufgebraucht und sie wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Da kamen ihre Kolleg*innen auf eine tolle Idee. Über die firmeninterne Facebook-Gruppe riefen sie dazu auf, wer möchte, der Mutter der kranken Tochter den ein oder anderen freien Tag zu spenden. Niemand konnte ahnen, wie viel dabei herumkäme und ob auch die Geschäftsführung überhaupt mitmachen würde. Am Ende kamen insgesamt vier Jahre und sechs Monate zusammen, denn es hatten sich nicht nur die Kolleg*innen aus ihrer Filiale beteiligt, sondern auch aus vielen anderen in ganz Deutschland, die sie persönlich gar nicht kannten, die aber mit ihr fühlten.

Die Familie ist ganz überwältigt von so viel Solidarität und Hilfsbereitschaft. Die Chancen für Fiona stehen gut. Die Chemotherapie schlägt an und ist bald schon abgeschlossen, bei der letzten Biopsie wurden keine kranken Zellen mehr gefunden. Die Mutter kann von den geschenkten Tagen ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen, um bei ihrer Tochter zu sein. Die verbleibenden gespendeten dreieinhalb Jahre sollen in einen Fonds für weitere Notfälle übergehen.

Als ich die Nachricht las, wurde mir das Herz warm und ich spürte ein inneres: Ja, genau! Das ist die Großartigkeit, die in uns wohnt und es ist so wohltuend zu erfahren, wie sich Menschen verbünden, um auf so schöne Weise jemanden in Not zu unterstützen. Das erinnert mich irgendwie an die Brotvermehrung, wo ja auch am Ende durch die Solidarität der Vielen die Körbe noch voll wurden mit den eingesammelten übrigen Stücken. Für mich ist das ein modernes Wunder der Nächstenliebe.

Und ich mache mir bewusst, dass unsere Welt ja voll von kleinen und großen Zeichen der Liebe und der gegenseitigen Unterstützung ist. Ich finde, das ist ein wirklicher Auftrag auf unserem spirituellen Weg. Was die Zeitungen und die Medien füllt, ist der allermeist negative, kleine Bruchteil der Wirklichkeit. Entwicklungsgeschichtlich ist unser Gehirn stärker auf Gefahr- und Warnmeldungen trainiert, weil diese ein sofortiges und entschiedenes Handeln vom Menschen forderten, damit er überleben konnte. Die Zeiten allerdings, wo plötzlich ein Säbelzahntiger um die Ecke kam, um uns zu zerreißen, sind schon lange vorbei. Und trotzdem ist unser Gehirn mit seiner Aufmerksamkeit immer noch mehr auf das Bedrohliche ausgerichtet.

Da braucht es tatsächlich ein aktives Bemühen, dass wir uns immer wieder für das Positive und Schöne öffnen, da braucht es eine Kultur der Achtsamkeit und die Pflege der Dankbarkeit. So wie es uns das Christentum ja auch anbietet: Jede Eucharistie ist zuallererst ein Ritual des Dankens und der erinnernden Verbindung mit einem Gott, der uns seine ganze Liebe schenkt.

Wenn man der hochkritischen Linie der Medien folgt, könnte man bald meinen, es läuft ja so ziemlich alles falsch. Gerade jetzt in Pandemiezeiten können die Politiker eigentlich nichts richtig machen. Von irgendeiner Seite gibt es immer jemanden, der ihnen totales Versagen vorwirft. Wenn man da nicht auf sich selbst Acht gibt, kann man schnell in einen Pessimismus und eine Resignation geraten.

Wie singt Ebstein: „Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“ Dass wir nämlich bisher im Grunde weitgehend glimpflich durch die Krise gekommen sind, dass unser Gesundheitssystem immerhin so gut aufgestellt ist, dass noch jeder Erkrankte versorgt werden konnte, dass sogar mehrere Impfstoffe erfunden wurden und wir damit einen Schutz gegen den Virus bekommen, dafür können wir gar nicht genug dankbar sein. So viele Menschen, die mit viel Einsatz ihre tägliche Arbeit tun, für die Wissenschaft, für die medizinische Versorgung, für Ausbildung und Pflege und vieles andere mehr. Auch das ist gelebte Solidarität, die uns allen hilft. Ein Blick in manch anderes Land macht uns erschreckend deutlich, wie dramatisch die Entwicklung auch hätte sein können.

Wo viele Menschen Herz zeigen, da wird das Leben hoffnungsvoll und schön. 
Wo viele Menschen Herz zeigen, da wird das Leben hoffnungsvoll und schön.

Natürlich ist Kritik wichtig und die aufdeckende Arbeit der Medien bei Fehlverhalten von Politikern und anderen Verantwortlichen schätze ich sehr hoch, denn sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Demokratie. Nur müssen wir uns bewusst machen, dass der weitaus größere Teil der Wirklichkeit, die vielen kleinen Zeichen von Menschlichkeit und Liebe sind, die man eben nicht darin findet. Die Katastrophen und Skandale, die werden uns per Bild und Ton frei Haus geliefert. Die Wunder, die es daneben immer gibt, die müssen und dürfen wir selbst entdecken, und dafür ist es wichtig, eine Sensibilität und Achtsamkeit zu entwickeln.

Achten Sie doch heute einfach einmal bewusst auf die Menschen um sie herum und schauen Sie, wie viele Zeichen von Freundlichkeit und Liebe, von Hilfe und Mut Sie entdecken. Lassen Sie am Abend den Tag noch einmal vor dem inneren Auge vorüberziehen und danken Sie für alle Erfahrungen von Schönheit und Güte des Tages. Freuen Sie sich daran und sagen zu sich selbst: „Es ist gut, mit diesen Menschen zu sein. Ich danke für ihren Beitrag an Mitmenschlichkeit und gebe auch gerne, was ich beitragen kann.“

Im Markusevangelium 8,18-21, nachdem die Jünger zweimal erlebt hatten, wie unter den Händen ihres Meisters wenig Brot eine große Menschenmenge satt machen konnte, mahnt er seine Jünger: „Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören? Erinnert ihr euch nicht: Als ich die fünf Brote für die Fünftausend brach, wie viele Körbe voll Brotstücke habt ihr da aufgehoben? Sie antworteten ihm: Zwölf. Und als ich die sieben Brote für die Viertausend brach, wie viele Körbe voll habt ihr da aufgehoben? Sie antworteten: Sieben. Da sagte er zu ihnen: Versteht ihr immer noch nicht?“

Was sollten sie denn verstehen? Dass Jesus die Hoffnung ist, die uns unsere Herzen und Hände füreinander öffnen lehrt, so dass aus einer Welt der Konkurrenz, jeder gegen jeden, eine Welt des Miteinanders wird, jeder für jeden. Jesus ist die gute Botschaft, die unsere Welt zum Besseren verwandelt, wenn wir uns auf sie einlassen. Wie gesagt, pardon, gesungen: „Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“

Pater Thomas Heck SVD