Immer auf Augenhöhe

12.03.2010

Deutschland - Die Begriffe "Mission" und "Missionar" sind in großen Teilen der Öffentlichkeit immer noch negativ besetzt. Missionare, heißt es, drängen anderen ihre Meinung auf, wollen andere unter Zwang bekehren. Gilt dieses Vorurteil heute noch? Hat sich das Wirken und Selbstverständnis von Missionaren verändert? Ein Interview mit Pater Prof. Dr. Martin Üffing, Direktor des Missionswissenschaftlichen Instituts und seit 2001 Leiter der Steyler Ausbildungsgemeinschaft in Sankt Augustin.

Ein Missionar ist davon überzeugt, dass seine Religion besser ist als alle anderen. Davon gilt es in seinen Augen, andere zu überzeugen. Ganz schön anmaßend!

Ich denke, jeder kritisch denkende Mensch, der einer Religion angehört, findet sie besser als andere Religionen. Denn es muss ja irgendeinen Grund dafür geben, warum er ihr angehört. In der Vergangenheit gehörte man oft aus Familientradition einer bestimmten Religion an. Heute wird gesagt, dass es grundlegend für eine Religionszugehörigkeit ist, auf irgendeine Art und Weise Gott erfahren zu haben - damit man erkennt, dass es Sinn macht, zum Beispiel die christliche Religion zu leben. Und wenn eine solche Erfahrung stattgefunden hat und jemand spürt, dass sie sein Leben bereichert, dann ist es nicht weit zu dem Punkt, an dem man diese Erfahrungen mit anderen Menschen teilen möchte - weil man sich nicht vorstellen kann, dass diese Erfahrungen nur für das eigene Leben gut sind. Ich möchte auch Menschen anderer Religionen daran teilhaben lassen, um ihnen mitzuteilen, was meine eigene Religion für mich bedeutet.

 

...und ihnen meine Meinung aufzwängen.

Wenn man in der Geschichte zurückschaut, war es sicher oft so, dass nicht so sehr Erfahrungen im Mittelpunkt standen, sondern etwa das Christentum anderen Religionen aus einer gewissen Machtposition begegnet ist. Und dass diese Machtposition dazu geführt hat, dass andere Menschen zu etwas gezwungen wurden. Das ist zu verurteilen. Es geht nicht, dass jemand durch Zwang seine eigene Religion aufgibt und eine andere Religion annimmt.  

 

Die Devise der Steyler Missionare ist es, anderen Menschen und Kulturen "auf Augenhöhe" und im Dialog zu begegnen. Aber ist dieser Dialog wirklich ausgewogen, wenn er von Ihrer Seite im Stillen darauf abzielt, den anderen für die christliche Religion zu gewinnen?

In einen Dialog steige ich aus Interesse am Anderen ein. Um von ihm zu lernen - und in der Hoffnung, dass der andere auch von mir lernen möchte. Das setzt eine gewisse Offenheit beider Seiten voraus.  

Eben. Aber wenn die Steyler Missionare diese Offenheit für die Ansichten und Argumente anderer Kulturen und Religionen wirklich besäßen, müssten doch eigentlich ebenso viele Missionare zu anderen Religionen konvertieren wie andere Religionen sich von den Steylern überzeugen lassen.

Nicht jede Religion ist missionarisch! Ich denke häufig an die Worte des Dalai Lama, der vor einigen Jahren einmal gefragt wurde, was er davon hält, dass sich so viele Europäer dem Buddhismus zuwenden. Er antwortete, dass er gar nichts davon halte, da der Buddhismus für Europäer eine sehr fremde Religion sei, und auch eher zu asiatischen Kulturen passe. Es wäre ihm ein Anliegen, die Europäer anzuregen, in ihrer eigenen Kultur bessere Christen zu sein. Das ist eine völlig andere Auffassung von der Bedeutung der eigenen Religion als im Christentum. Das ist sehr viel missionarischer.  

 

Und damit stur: Weil die Christen ihren eigenen Standpunkt über den anderer erheben.

Zum Wesen des Christentums gehört das "Missionarische" dazu. Wir glauben, dass das Christentum allen Menschen etwas zu bieten hat, und dass die christliche Botschaft in verschiedenen Kulturen immer neu formuliert werden kann, so dass sie von Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensumständen verstanden und gelebt werden kann.

 

Der Auftrag an die Christen, ihren Glauben in die Welt zu tragen, wird Missionsbefehl genannt. Das zeugt nicht gerade von Friedfertigkeit, eher davon, dass Mission Unfriede in Gesellschaften bringt.

Zunächst mal: Wenn man die Missionsbefehle am Ende der Evangelien einmal exegetisch untersucht, stellt man fest: Das sind spätere Ergänzungen der Autoren, die damit vielleicht eine Intention Jesu zum Ausdruck bringen; vielleicht auch nur auf Entwicklungen nach Jesus eingehen. Jesus selbst sagte zu seinen Jüngern: Geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Jesus selbst wollte die Sendung seiner Jünger zunächst also auf das Judentum begrenzen und verstand seine "Bewegung" eher als eine jüdische Reformbewegung. Der berühmte Missiologe David Bosch hat einmal festgehalten, dass die Tatsache, dass das Christentum zu einer eigenen Religion wurde, im Grunde der Intention Jesu völlig widersprach. Denn diese neue Religion führte zu einer Spaltung der Welt, stiftete in der Tat auch Unfrieden. Doch die Realität sah nun einmal so aus, dass die Leute, die sich von der Botschaft Jesu angesprochen fühlten, so begeistert waren, dass sie das Ganze nicht für sich behalten konnten. Das verlief zunächst auch sehr friedvoll, aber irgendwann hatte das Christentum durch seine Ausbreitung eine starke Machtposition und konnte andere zur Annahme der eigenen Religion zwingen. Da gab es im Laufe der Missionsgeschichte eine ganze Reihe von Verfehlungen, aus denen wir heute wohl gelernt haben.  

 

Wenn Sie in der Geschichte der Steyler Missionare zurückschauen: Wo gibt es da Beispiele für Missionspraktiken, die aus heutiger Sicht völlig falsch waren?

Am Anfang der Steyler Missionsgeschichte gab es noch einen sehr starken Eurozentrismus. Das heißt: Die Steyler sind am Anfang auch in deutsche Kolonien gegangen, haben unter deutschem Protektorat gearbeitet. Diese enge Zusammenarbeit zwischen Kolonialimus und Mission bis zum Ersten Weltkrieg, von der man sprach, weil die Missionare den Machthabern bei der "Zivilisierung" und Europäisierung der sogenannten "Wilden" halfen und deshalb auch als "Steigbügelhalter" der Kolonialisten galten, ist aus heutiger Sicht ziemlich fragwürdig.  

 

Heute haben sie ein anderes Missionsverständnis, das nach Ihrer Aussage sehr vom Respekt vor den Kulturen anderer Menschen geprägt wird.

Richtig. Wir stellen uns heute die Frage: Wie lässt sich die christliche Botschaft in verschiedenen Kulturen vermitteln? Das geht nur, indem ich mich auf die Kulturen einlasse und sie ernst nehme. Das Hineinwachsen in eine bestimmte Kultur ist allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich. Wenn es um die Vermittlung so mancher Glaubensinhalte geht, liegt die Verantwortung deshalb sehr stark auf einheimischem Kirchenpersonal. Auf dieses Prinzip legen die Steyler großen Wert. Zum einen arbeiten Missionare zwar immer in internationalen Teams zusammen. Zum anderen sollen so viele lokale Verantwortungsträger wie möglich mit einbezogen werden. Immer im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Respekt für die jeweilige Kultur.

 

Das klingt nach einer ausgeklügelten Strategie. Ähneln Steyler Missionare da nicht Staubsaugervertretern, die ihre "Opfer" zunächst in unverbindlichen Smalltalk verwickeln, um dann im rechten Moment ihr Produkt - nämlich den christlichen Glauben - an den Mann zu bringen?

Vertreter wollen ihre Botschaft verkaufen. Gerade das wollen wir nicht. Es gibt natürlich "Missionsstrategien", denn ich kann nur mit Menschen kommunizieren, die offen sind. Aber nicht für ein Verkaufsprodukt. Vielmehr wollen wir die Menschen aus der jeweiligen Kultur anspornen, selbst für die eigene Sache aktiv zu werden. Wie erfolgreich ich dabei bin - das kann ich gar nicht messen.  

 

Nutzen Sie Entwicklungshilfe als Deckmantel zur Glaubensverkündung? Unter dem Motto: Wir geben euch Wasser, dafür lasst ihr euch taufen!

1975 schrieb der damalige Papst Paul VI. den Satz: "Der Inhalt der Mission ist die Verkündigung des Evangeliums". Und wie evangelisiere ich? Da gibt es viele Wege, das hängt sehr stark von der Situation ab - wir sprechen von "kontextueller Evangelisierung". In der jeweiligen Situation gilt es herauszufinden: Wer sind die Menschen, zu denen ich gesandt bin - und was sind die wichtigsten Bedürfnisse dieser Leute? Und wenn die Leute das Bedürfnis nach Wasser haben, dann gehört der Bau eines Brunnens auch zum Evangelium dazu. Das ist keine Strategie, sondern Teil der Frohen Botschaft. Der Bau von Brunnen, Häusern, Schulen - das alles hat mit der christlichen Überzeugung zu tun, dass jedem Mensch ein menschenwürdiges Leben ermöglicht werden sollte. Die so genannte "Entwicklungshilfe" ist Teil der Verkündigung. Aber man sollte sich davor hüten, sie an Bedingungen zu knüpfen.

 

In letzter Zeit wurde vermehrt über evangelikale Missionsschulen aus Deutschland und aus den USA berichtet, in denen die Schüler mit aggressiven "Missionstechniken" auf Linie gebracht werden. Wie werden die Steyler Missionare auf ihre Arbeit vorbereitet?

Völlig anders. Für uns Ordensleute ist der Gedanke wichtig, dass wir uns als Menschen in der Nachfolge Christi verstehen. Dabei spielt die Spiritualität eine wichtige Rolle. Jeder Einzelne wird angehalten, sich seiner eigenen Spiritualität bewusst zu werden. Für uns als SVD, als Societas Verbi Divini ist es wichtig, dass die Bibel, das Wort Gottes, die Grundlage dazu bildet. Zur Ausbildung gehört aber nicht nur eine regelmäßige Beschäftigung mit der Bibel, sondern die Vorbereitung auf Mission geschieht durch Studium (z.B. der Theologie) oder Berufsausbildung, durch Praktika oder Aufenthalte unter Menschen anderer als der eigenen Kultur und so weiter. Es geht auch nicht darum, die Leute auf eine Linie zu trimmen - jeder soll Raum finden, seine eigenen Talente zu entfalten und sich damit in die Gemeinschaft und in den missionarischen Dienst einzubringen. Unsere Studenten "lernen" Internationalität und einen respektvollen Umgang untereinander. Sie kriegen keine "Missions-Rezepte" in die Tasche, sondern werden zur Offenheit und Dialogbereitschaft angespornt. Und dazu, ihre individuellen Stärken zu vertiefen.

Markus Frädrich, Tamara Häußler-Eisenmann
 
P. Prof. Dr. Martin Üffing SVD
P. Prof. Dr. Martin Üffing SVD