Migrantenarbeit bedeutet Brückenbauen zwischen den Kulturen

28.02.2011

Moses Awinongya aus Ghana, Steyler Missionar, macht sich stark in der Migrantenarbeit. Für ihn bedeutet dies, den Stimmlosen eine Stimme zu geben. Was für ihn die Unterschiede zwischen Migration und Integration sind, welche Schwächen die Migrationspolitik in Deutschland hat und welche Forderungen er an alle Beteiligten stellt– darüber sprach mit ihm Tamara Häußler-Eisenmann.

Die Migrantenseelsorge ist ein zentrales Thema, dem sich die Steyler Missionare in Deutschland widmen. Wieso ist dies ein typisches „Steyler“ Thema?
Die Migrantenseelsorge oder überhaupt die Arbeit mit Migranten ist stark mit den Themenfeldern Gerechtigkeit und Frieden verbunden. Auch wenn sich unsere ausländischen Mitbrüder in Deutschland nicht als Migranten betrachten, haben sie sicherlich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie diejenigen, die nach Flucht oder Vertreibung in Deutschland angekommen sind. Auch die nicht-deutschen Steyler Missionare haben ihre Herkunftsländer verlassen und leben nun hier und können sich gut in die Lage von Migranten einfühlen. Migrantenseelsorge hilft, dass die betroffenen Christen ein Zuhause in den Gemeinden finden, wo sie wohnen. Sie merken, dass die Kirche eine große Familie ist. Migrantenarbeit ist die Arbeit mit den Menschen, und wo es Menschen gibt, da sind auch die Steyler, um mit Ihnen zu leben und zu arbeiten. Wir lassen keinen im Regen stehen.

Was bedeutet für Sie die Arbeit mit Migranten und wieso sollte sich ein Missionsorden dem Thema widmen?
Für mich bedeutet es, den Stimmlosen eine Stimme zu geben. Man schafft ihnen eine Möglichkeit, dass sie ihre Geschichte erzählen können und lässt sie auch die Geschichte der anderen erfahren. Migrantenarbeit bedeutet Brücken zu bauen zwischen Kulturen, damit ein sozialer Zusammenhalt und eine nicht immer leichte Integration gelingen. Dies ist aber nur möglich, wenn alle beteiligten Parteien miteinander im Gespräch sind.

Wir sprechen jetzt die ganze Zeit von Migration und Integration. Wie passen diese Begriffe zusammen?
Migration ohne Integration führt nur zur Entstehung paralleler Gesellschaften mit vorhersehbaren Konsequenzen. Anstatt nur von Integration zu reden, spreche ich von sozialer Kohäsion oder dem sozialen Zusammenhalt. Hier sind alle aufgefordert etwas zu tun, damit das Zusammenleben in der jeweiligen Gesellschaft gelingt. Während Integration einseitig betrachtet wird, holt soziale Kohäsion alle ins Boot, lässt alle überlegen, wie sie zum Zusammenleben beitragen können und wie sie sich fühlen. Der Mensch ist manchmal wie ein Buch. Es genügt nicht, dass man es kauft. Es muss auch gelesen werden. In unserem Fall hieße das, dass in den verschiedenen Gemeinden, in denen Migranten leben und arbeiten, es eine Möglichkeit geben muss zur gemeinsamen Gestaltung des Zusammenlebens.

Haben Sie als internationale Gemeinschaft Strategien für ein gutes Zusammenleben entwickelt, die auf die deutsche Gesellschaft anwendbar wären?
Die beste Strategie ist die Bereitschaft aufeinander zuzugehen, neugierig auf die Welt des anderen zu sein und die Bereitschaft zum Miteinander lernen. Wenn ich mich für den anderen interessiere, bin ich auch bereit seine Sprache zu lernen und mehr von ihm zu erfahren.

Wie war es für Sie als Sie vor neun Jahren nach Deutschland kamen? Wie kann man in Deutschland Fuß fassen?

Als ich nach Deutschland kam, war fast alles fremd. Ich war aber sehr neugierig und wollte die Menschen und ihre Kultur hier in Deutschland kennenlernen. Der Schlüssel dazu war zunächst die Sprache. Die ersten drei Monate waren sehr frustrierend. Pater Peter Claver Narh, der mit mir aus Ghana nach Deutschland gekommen war, und ich mussten sehr hart arbeiten. Das haben wir geschafft. Unser philippinischer Mitbruder Pater Adonis hat uns Nachhilfe gegeben. Diese Hilfe war sehr wichtig. Adonis hat eine Brücke für uns gebaut, gehen mussten wir aber selber.

Können Sie Ihre Erfahrungen auch an Migranten weitergeben und glauben Sie, dass ihnen das hilft?
Vor zwei Monaten saß ich in der U-Bahn vom Marienplatz in München nach Fürstenried West. Ich bin einem jungen Mann aus Nigeria begegnet. Im Gespräch fragte er mich, wie ich hier in Deutschland zurechtkomme. Meine Antwort war: „Ich liebe die Menschen hier und ihre Kultur. Das Herz der Kultur ist aber die Sprache. Also lernen Sie Deutsch so gut wie irgend möglich als Zeichen Ihrer Liebe zu den Menschen und ihrer Kultur. Sie werden dann sehen, dass es leichter und schön ist hier zu leben“. Ob er sich meinen Vorschlag zu Herzen nimmt oder nicht, das weiß ich nicht. Die Erfahrung, die man selber macht, nimmt einen aber in die Pflicht, dies weiterzugeben.

Wo sehen Sie die Schwächen der derzeitigen Migrationspolitik in Deutschland?
Ich glaube nicht, dass die Migrationspolitik in Deutschland Schwächen hat. Vielleicht muss man bei der Umsetzung ein bisschen kreativ sein. Diese Kreativität liegt bei allen. Es braucht aber auch eine neue Bewusstseinsbildung. Niemand sollte sich ausgebeutet fühlen. Alle sollten sich ernst genommen fühlen. Dies wäre ein Weg, dass wir friedlich zusammenleben. Wichtig ist auch, dass man miteinander redet. Wie fühlt man sich, wenn nur über ihn geredet wird aber nicht mit ihm?

Was würden Sie sich für eine zukünftige Migrationspolitik in Deutschland wünschen?
Dass die gesamte Gesellschaft sich daran beteiligt: Migranten wie die Inländer. Der Mensch öffnet sich leichter, wenn er sicher ist, dass er von dem anderen verstanden und ernst genommen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.


 
Pater Moses (rechts) mit seinem Mitbruder Pater Peter.
Pater Moses (rechts) mit seinem Mitbruder Pater Peter.