Weisheit

Glaubensserie

Wenn Aussprüche von Philosophen in Schulbücher geraten, dann bleibt nicht aus, dass zuweilen Schüler schon sehr bald Philosophen gegenüber, die mit ihren komplizierten Überlegungen zum Denken zwingen, Abneigung empfinden.

Denn was sie äußern, langweilt entweder ungeheuer, oder es lädt zu einer geistigen Höhenwanderung ein: auch einmal hoch hinaufzusteigen, um dann von weit oben auf Welt und Menschen herabzusehen.
Der Ausspruch des weisen Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, ist für einen Lehrer meist ein willkommener Anlas, mit seinen 13- oder 15jährigen eine philosophische Erstbesteigung zu wagen. Ungeübt und untrainiert trotten sie dann mit ihm auf einem steinigen Pfad nach oben. Dort angelangt doziert er weiter: der Gipfel aller Weisheit liege in der Erkenntnis, dass man überhaupt nichts wissen kann, und dass man umso weiser sei, je mehr man das begriffen habe. Diese Einsicht sei Ausdruck wahrer Demut! Die Einbildung, etwas zu wissen, sei Hochmut oder Dummheit.
Aber vielleicht war Sokrates sehr stolz darauf, dass er im Gegensatz zu den vielen Dummen von sich sagen konnte: er wisse, während andere nicht einmal das wissen, dass er letztlich nichts weiß! Wer begreift schon den Unterschied zwischen dem Nichtwissen und dem Wissen, dass man nichts weiß? - Alles Erkennen ist Stückwerk. Es wird dem Menschen nie gelingen, bis zum Kern der Dinge vorzudringen.
Sollte man Erkenntnisse dieser Art aus Klugheitsgründen nicht ganz für sich behalten? War sich Sokrates über die psychologischen Folgen seines Ausspruchs klar? Könnte da nicht einer folgern: Wenn oben auf dem Gipfel doch nur dichter Nebel herrscht, und wenn man am Ende doch nichts wissen kann, was sollen dann die Aufstiegsmühen? - Herr Sokrates war in höchstem Maße unvorsichtig! Er hat damit Anlass gegeben zu dem Missverständnis, das Streben nach Erkenntnis sei - weil man doch nicht weit kommt - ein vergebliches Bemühen. Jetzt stehen wir hilflos und allein gelassen vor der Frage, weshalb es dennoch sinnvoll ist, Wissen zu erwerben, auch wenn man nur ein wenig davon haben kann?


Walter Rupp, SJ