Alleinsein

Glaubensserie

18. JANUAR

Die wenigsten halten es aus, mit sich allein zu sein. Die meisten empfinden Einsamkeit als Qual, weil sie in der Einsamkeit die Entdeckung machen müssen, wie leer sie sind, und dass sie sich selbst nichts zu sagen haben. Sie langweilen sich, weil sie mit ihren Sinnen und Gedanken nichts anzufangen wissen. Allein sein kann nur ein neugieriger und interessanter Mensch; einer, der sehen, hören und denken kann, und in der Welt etwas entdeckt, an dem er Freude haben kann. Viele langweilen sich, weil sie selbst langweilige Typen sind, und nicht gelernt haben, mit den Gaben, die ihnen geschenkt wurden, etwas anzufangen. Statt davon Gebrauch zu machen, halten sie danach Ausschau, wer sie unterhalten kann, und womit sie sich zerstreuen können. Sie brauchen immer etwas, das sie von ihrem Ich ablenkt und verhindert, dass sie sich mit sich selbst beschäftigen müssen.
Oft sagen wir, als hätten wir es mit einem anderen zu tun: „Ich werfe mir vor“ … „Ich kann mir nicht verzeihen“ … „Ich bin mit mir zu Rate gegangen“, als hätten wir ein zweites Ich, mit dem wir uns auseinandersetzen können. Jeder kann sich betrachten, als wäre er ein anderer, und sich fragen: Wer bist Du eigentlich? Wie behandelst Du Dich selbst? Wie konntest Du nur …? Wir haben oft den Eindruck, von den Mitmenschen vernachlässigt zu werden. Aber mehr noch als die Mitmenschen uns vernachlässigen, vernachlässigen wir uns selbst. Obwohl wir Egoisten, ichbezogen sind und zuerst an uns denken, erkennen wir oft das eigene Wohl nicht.

Walter Rupp, SJ