Protest

Glaubensserie

Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter geben fast alle das Aufbegehren auf.

Jeder hat in seinem Leben zweimal wirklich aufbegehrt: Während seiner Kindheit, nachdem er entdeckt hatte, wie leicht die überlegenen Erwachsenen durch Stampfen oder Schreien in Verlegenheit zu bringen sind; und während seiner Pubertät, als er sich der Bevormundung und Gängelung seiner Erzieher widersetzte. Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter geben fast alle das Aufbegehren auf. Sie finden es bequemer, durch Anpassung Konflikten aus dem Weg zu gehen. 

Warum trotzen Erwachsene so selten, obwohl es dafür häufig Gründe gibt? Was ist daran so verwerflich? Trotzen gilt unter den Erwachsenen als pubertär, als Unart, und als eine Eigenschaft, die es auszumerzen gilt. In Wirklichkeit sollte man den Eigensinn den Tugenden beizählen. Hermann Hesse lobt ihn in seinen autobiographischen Schriften und meint: "Wer eigensinnig ist, gehorcht einem anderen Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem "Sinn" des "Eigenen". Der Eigensinnige geht seine eigenen Wege. Er hat auch gegen noch so viele Einwände den Mut zu tun, was er für richtig hält. Er folgt seiner inneren Stimme und trotzt der Umwelt, die nicht dulden will, dass einer nicht denkt wie alle denken und sich nicht verhält wie alle sich verhalten. 

Zu allen Zeiten waren es die Eigensinnigen, die den Mächtigen nicht applaudierten und sich nicht - wie die Angepassten - zu Handlangern machen ließen. Sie haben sich dem Ungeist und den Moden ihrer Zeit hartnäckig widersetzt. Sie sind wohl unbequeme Zeitgenossen, es sollte jedoch mehr von ihnen geben.


Walter Rupp, SJ