Persönlichkeit

Glaubensserie

Niemand kann vor sich selbst fliehen.

Niemand kann vor sich selbst fliehen. Keinem ist das noch gelungen, sein Ich zurückzulassen, wohin er auch geht: in ein Kloster oder in ein fernes Land. Er nimmt sich immer mit, und mit sich seine Vergangenheit und seine Probleme. Möglich ist nur: zu sich selbst in Distanz zu gehen. Da beide Ichs nicht nebeneinander existieren können, weil immer das eine über das andere Ich herrschen möchte, wird man sich für das eine oder andere Ich entscheiden müssen: für ein Traumbild oder sein wahres Ich; für das Ich, das mehr will und strebt oder für das andere Ich, das Mühen scheut und die Entfaltung verhindert. 

Unerklärlich bleibt, weshalb sich mancher - aller Vernunft zum Trotz - in den Kopf gesetzt hat, wie ein anderer zu sein, statt sich über seine Individualität zu freuen. Der Mensch mag in milliardenfachen Exemplaren existieren und einem anderen Menschen noch so frappierend und zum Verwechseln ähnlich sein, sicher ist: Es gab nie einen und wird nie einen Menschen geben, der so ist, wie schon einmal ein anderer war. Jeder, der in diese Welt eintritt, bringt ein Erbgut mit, das nur ihm mitgegeben wurde. Jeder muss begreifen, dass es darum geht, dass er sich zu einer unverwechselbaren, nicht austauschbaren, einmaligen Persönlichkeit macht.


Walter Rupp, SJ