Moral

Glaubensserie

Moralische Unfälle geschehen meist wegen mangelnder Selbstkontrolle,

Noch immer fühlen sich die Menschen, wie Eva und Adam im Paradies, als Opfer der Verführung und schreiben ihr Versagen der Überredungskunst einer Schlange zu, die sie auf Gedanken brachte, auf die sie – wie sie meinen - nie gekommen wären. Noch immer fällt ihnen das Eingeständnis schwer, dass sie selbst und nicht die Umwelt, die Erziehung, Arbeitsüberlastung oder falsche Medikamente, für ihr Versagen verantwortlich sind. 

Moralische Unfälle geschehen meist wegen mangelnder Selbstkontrolle, die zu Geschwindigkeitsüberschreitungen verleiten. Die täglichen Zusammenstöße mit dem Nächsten ereignen sich oft, weil einer den Sicherheitsabstand zu denen, die er nicht leiden kann, nicht beachtet; oft aus Neid, weil ein kleiner Angestellter Tempolimits oder Überholverbote missachtet und zum Ärger seiner Kollegen plötzlich Karriere macht. Zu unerlaubten partnerschaftlichen Beziehungen kommt es häufig, weil der doppelte Bremsweg nicht eingehalten wurde, und zu Ehebrüchen fast immer wegen Geisterfahrerei. 

Während frühere Generationen zu viel Moral für zu wenige Gelegenheiten hatten, besitzt die heutige Generation für zu viele Gelegenheiten zu wenig. Die Millionen Gesetze, Vorschriften und Anordnungen, die die modernen Staaten in ihrer Regulierungssucht erfunden haben, können niemanden moralischer machen. Sie können so wenig vor der Unmoral, wie Verkehrsschilder vor Unfällen schützen. Man muss auch das Richtige wollen und eingeübt haben, damit man es tun kann.


Walter Rupp, SJ