Beruf

Glaubensserie

Alle sind heute Mitarbeiter und Kollegen, die sich höchstens durch die Art ihrer Tätigkeit, den Umfang ihrer Büros und die Beträge voneinander unterscheiden, die monatlich auf ihr Konto überwiesen werden.

Unsere Gesellschaft kennt weder Sklaven noch Diener, höchstens Angestellte. Ein Chef von heute wird sich hüten, von Untergebenen zu sprechen, sondern den Eindruck zu erwecken suchen, er sei nur einer neben anderen. Alle sind heute Mitarbeiter und Kollegen, die sich höchstens durch die Art ihrer Tätigkeit, den Umfang ihrer Büros und die Beträge voneinander unterscheiden, die monatlich auf ihr Konto überwiesen werden. 

Es ist gelungen, Jahrhunderte alte Standesunterschiede abzuschaffen: den Unterschied zwischen dem Adel und den Bürgern, den Gebildeten und Nicht-Gebildeten, dem Klerus und den Laien, den Amtsträgern und den Leuten aus dem Volk. Doch die totale Gleichheit gibt es noch nicht. Wir haben andere und neue Unterschiede eingeführt oder entstehen lassen: zwischen der Prominenz und den vielen Nicht-Beachteten, zwischen denen, die sich was leisten können und denen, die bescheiden leben müssen, und zwischen den Arbeitsplatzbesitzern und den vielen, die auf der Suche nach Arbeitsplätzen sind. 

Auch wenn wir nicht mehr nach Herkunft, Stellung oder Bildung unterscheiden, so gelten doch die, die oben auf der gesellschaftlichen Leiter stehen, mehr: Die Bosse, wenn sie hohe Umsätze und noch höhere Gewinne machen; die Schauspieler mit den große Rollen; die erfolgreichen Sportler; die Chef-Ärzte, die noch immer ‚Götter’ sind; die Popstars, die eine ausverkaufte Messehalle zum Toben oder Weinen bringen; und die Showmaster, zu denen ein Millionenpublikum ehrfürchtig aufschaut. 

Die unterschiedslose Gesellschaft liegt in weiter Ferne. Sie ist eine Utopie. Es wird wohl nie gelingen, alle Hierarchien abzuschaffen. Viel wichtiger ist, dass eine Gesellschaft alles tut, dass auch die, die unten stehen, menschenwürdig leben können.


P. Walter Rupp, SJ