Rekordsucht

Glaubensserie

Von Natur aus sind wir Menschen gewiss nicht auf den Minimalismus hin angelegt.

Von Natur aus sind wir Menschen gewiss nicht auf den Minimalismus hin angelegt. Denn wir geben uns nicht gern mit dem einmal Erreichten, mit dem unbedingt Notwendigen zufrieden, mit dem, was gerade noch zum Leben ausreicht. Unser Streben geht in Richtung: schneller, höher, besser. Wir möchten mehr sehen, mehr hören, mehr wissen und erleben. Unsere Sucht, Besitz und Wissen zu vermehren, Rekorde aufzustellen und sie immer neu zu überbieten, ist ein Beweis, wie wenig wir zur Mittelmäßigkeit geboren sind. Wir wollen unsere Kräfte strapazieren. Wir wollen hoch hinaus und greifen mit unseren etwas zu kurz geratenen Armen sogar nach den Sternen. Nun sind die wirklich großen Leistungen nicht immer nur die Frucht eines langen und harten Trainings. Man kann sich den Erfolg nicht allein mit Zähigkeit abtrotzen. Es kommt darum immer wieder vor, dass Fleißige bei allem Fleiß erfolglos bleiben und Faule ohne ihr Zutun erfolgreich sind. Und es bleibt ein Rätsel, warum Begabte nicht selten scheitern und Talentlose es zu etwas bringen. Erfolg ist eben nicht immer der Lohn des Tüchtigen und Misserfolg ist auch nicht immer Strafe und Beweis für das eigene Versagen. 

Der Kulturkritiker Egon Friedell glaubte für Erfolglosigkeit eine Erklärung gefunden zu haben. Er behauptete, dass die meisten Menschen ursprünglich nicht talentlos sind, sondern es erst im Laufe ihres Lebens werden, weil sie im erwachsenen Stadium die ihnen angeborene Gestaltungskraft, die Kinder mitbekommen und die Künstler sich bewahren, nicht pflegen und verkümmern lassen. Sie bilden nur ihre Verstandeskräfte aus und die Fertigkeiten, die für ihr Fortkommen nützlich sind. Intuition und Phantasie gelten nicht viel und gehen schließlich ein, weil sie nicht gefordert werden.

Wenn so viele Begabte am Ende doch nur zu Durchschnittsleistungen fähig sind, haben sie sich das eigentlich selbst zuzuschreiben. Sie verlassen sich allein auf Intelligenz und Tatkraft und versäumen es, die kreativen Fähigkeiten in sich zu entfalten.


P. Walter Rupp, SJ