Anprangern

Glaubensserie

In den absolutistisch regierten Staaten wachte die Bürokratie mit stupider Gründlichkeit auch über die Privatsphäre ihrer Bürger.

In den absolutistisch regierten Staaten wachte die Bürokratie mit stupider Gründlichkeit auch über die Privatsphäre ihrer Bürger. Die Postbehörden zensierten selbstverständlich Briefe oder unterschlugen sie. In Österreich gestattete die Zensur dem Wiener Burgtheater nicht, Stücke aufzuführen, in denen Adelige Bürgerliche heirateten. Und die Beamten, denen bloß der Schnurr- und Backenbart gestattet war, mussten, wenn sie einen "umstürzlerischen" Vollbart trugen, mit polizeilichen Verhören rechnen. 

So wie die Kirche sich lange Zeit das Recht herausnahm, die nicht christliche Lebensweise ihrer Mitglieder von der Kanzel herab zu tadeln, nahmen sich auch die weltlichen Obrigkeiten das Recht, nicht nur Rechtsbrecher, sondern jeden, der die öffentliche Ordnung störte, öffentlich bloß zu stellen. 1703 stellte man in London den Schriftsteller Daniel Defoe wegen seiner Satiren und Gedichte an den Pranger. 

Der Pranger wurde abgeschafft, er wurde überflüssig, weil wir Medien haben, die jederzeit in der Lage sind, nicht nur Übeltäter anzuprangern, sondern jeden, den die Gesellschaft nicht mag, weil er sich quersteIlt und nicht anpasst. Auch der moderne Bürger verzichtet nicht gern auf öffentliche Hinrichtungen. Das Öffentlich-Machen von Missständen und das Outen von Mitmenschen wurde in unserer Zeit zum Freizeitsport und eine Unterhaltung. Der Zeitgenosse wehrt sich wohl gegen das Begafft-Werden, möchte aber, dass man ihn gaffen lässt.


P. Walter Rupp, SJ