Zählen und messen

Glaubensserie

Sportler können ihre Erfolge messen, andere Berufe tun sich mit dem Messen schwer.

Im Sport gelten immer nur die Besten: Man interessiert sich nur für den, der am höchsten springen, am weitesten werfen, am schnellsten laufen kann oder am häufigsten über einen Gegner siegte. Es geht im Sport immer um die weiteste Marke, die schnellste Zeit und die meisten Punkte oder Tore. Die Leistungen der anderen, die vielleicht nur um einen Bruchteil von Sekunden oder um einige Millimeter schlechter waren, werden kaum beachtet. 

Sportler können ihre Erfolge messen, andere Berufe tun sich mit dem Messen schwer. Vielleicht ist es Bahnbeamten, Busfahrern und Piloten möglich, die Zahl der Passagiere zu benennen, die sie ans Ziel bringen konnten. Aber Lehrer gerieten in Verlegenheit, wenn sie herausfinden wollten, was sie im Laufe eines Jahres oder in den Jahren ihrer beruflichen Tätigkeit an Wissen weitergeben konnten. Ärzte müssen sich damit abfinden, dass es darüber keine Gewissheit gibt, wie vielen Patienten sie wirklich geholfen haben und was für das Gesunden entscheidend war: ihre Therapie, ihr operativer Eingriff oder die stabile Natur des Patienten. Und ein Seelsorger wird bis zum Ende seines Lebens nie erfahren, wen er von seinen Zweifeln befreien, und wen für den Glauben gewinnen oder gar bekehren konnte. 

Wer sich am Ende seines Lebens fragt: was habe ich in meinem Leben bewirkt, wird darauf keine rechte Antwort finden. Er kann nur hoffen, dass ihm einiges gelungen ist, auch wenn er es nicht zählen und nicht messen kann.


P. Walter Rupp, SJ