4. Fastensonntag (B)

Predigtimpuls

Lebensgeschichte ist Glaubensgeschichte

1. Lesung: 2Chr 36,14-16.19-23
2. Lesung: Eph 2,4-10
Evangelium: Joh 3,14-21


Lebensgeschichte ist Glaubensgeschichte

1. Leben schöpft Kraft aus der Erinnerung an den Anfang
Es gibt wohl keine bedeutende Familienfeier oder ein Jubiläum oder ein Klassentreffen, wo nicht Fotoalben oder Filme hervorgeholt werden, um mit Hilfe der Bilder wieder lebendig werden zu lassen, wie alles angefangen hat, wie sich alles entwickelte, wie sich die Geschichte entfaltete. Jedem fällt dann eine andere
Begebenheit von damals ein. So wird gemeinsam ein Weg zurück in die Vergangenheit eingeschlagen, wie man einen Fluss entlang geht, flussaufwärts bis zur Quelle. Ähnlich ist es, wenn wir in den Gottesdiensten unseren Glauben feiern. Auch da suchen wir den Anfang auf, suchen mit dem Anfang in Berührung zu kommen, um vom Anfang her neue Kraft für die Gegenwart zu bekommen. Mit der Redewendung: „In jenen Tagen...“, mit der die heutige Lesung beginnt, werden wir eingeladen, in die Vergangenheit zurückzugehen, um unser Heute besser zu verstehen.

Ich muss gestehen, dass ich mich mit den alttestamentlichen Lesungen im
Gottesdienst lange schwer getan habe, und auch die heutige Lesung aus dem Alten Testament, die sich wie eine Geschichtsbetrachtung anhört, lässt die Frage aufkommen: Was wollen solche Sätze über Anfang und Ende der babylonischen
Gefangenschaft uns heute sagen? Gott will uns auch mit solchen Lesungen zum Leben ermutigen und uns helfen, damit uns das Leben in der jetzigen Zeit gelingt. Vergangenes wird in seiner Bedeutung für die Gegenwart erschlossen. Zugang zum Alten Testaments fand ich, als mir bewusst wurde, dass mein Glaubensweg und der Glaubensweg eines jeden Menschen eine Geschichte mit Gott ist. Geschichte lässt sich nicht vorausplanen. Sie ist ein Zusammenspiel von vielen Ereignissen und Einflüssen. Daher bedeutet den Glauben weitergeben: Menschen in die Geschichte mit Gott hineinführen; Menschen dafür empfindsam machen, dass ihr Leben eine Geschichte mit Gott wird. Solch eine Sicht der Lebensgeschichte wird vor allem durch Erfahrungen vermittelt, die andere mit Gott gemacht haben.

2. Gott offenbart sich in geschichtlichen Ereignissen.
Im Alten Testament wird uns beispielhaft die Geschichte eines Volkes mit seinem
Gott erzählt. Es ist eine Geschichte von Erwartungen und Enttäuschungen, eine
Geschichte von Verrat und Treue, von Bewährung und Versagen, eine Geschichte
von Verzweiflung und Zuversicht, eine Geschichte von Niederlagen und Siegen, doch immer bleibt es eine Geschichte voll Hoffnung.

Es ist z.B. eine spannende Geschichte, wie Abraham, Isaak, Jakob mit ihren Familien Gott als einen erfahren, der sie begleitet, der bei ihnen ist, der mit ihnen zieht, für sie sorgt. Es braucht seine Zeit, bis den zwölf Stämmen Israels aufgeht, dass der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs nicht verschiedene Götter sind, sondern ein und derselbe. Es braucht seine Zeit, bis später einem Mose aufgeht, dass der „Gott der Hebräer“ (Ex 5,3) sein Volk nicht als ein geknechtetes Volk will, sondern als ein freies. Der „Gott der Hebräer“ war nicht der Gott der Mächtigen, sondern der des rechtlosen Volkes, der Gott der Gastarbeiter, der Gott der Fremd- und Zwangsarbeiter, deren Flucht mit allen Mitteln verhindert wurde. Mose machte sich auf in dem Wissen, dass Jahwe, der „Gott der Hebräer“, mit ihm ist, um dieses Volk in die Freiheit, ins gelobte Land, zu führen. Unfreiheit lässt menschliches Leben verkümmern. Mose selbst kann zwar das Volk nicht in das Land seiner Sehnsucht führen, aber er hat sich mit dem Volk wenigstens auf den Weg gemacht durch alle Grenzkontrollen, durch alle Hindernisse, durch die Wogen des Roten Meeres, durch die Jahre der Wüste mit Hunger und Durst, mit Murren und Klagen. Der Durchbruch zu neuen Lebensmöglichkeiten wird als ein Geschenk ihres Gottes erfahren, nicht aber als ihre Leistung.

Aus all dem, was zuweilen lang und breit berichtet wird, ging mir immer mehr auf, dass dieses Volk seinen Gott durch seine Geschichte besser erkennt und sich Gott seinem Volk immer deutlicher offenbart. Dieses Volk versucht seine Geschichte immer wieder zu überdenken, um den „roten Faden“ der Führung Gottes zu entdecken. Wenn Israel sich seinem Gott zuwandte, war Gott helfend, rettend, bewahrend bei seinem Volk.

3. Geschichte wird vom Glauben gedeutet.
Ein weiteres Beispiel, wie in diesem Volk geschichtliche Ereignisse als Geschichte mit Gott dargestellt werden, bietet auch die heutige Lesung. Die Zerstörung Jerusalems durch die Chaldäer (Babylonier) (587 v.Chr.) wird im Nachhinein als Folge davon gesehen, dass die führende Schicht Judas – eines Teiles Israels – sich überhaupt nicht mehr um Gott und seine Weisungen kümmert, Götzen verehrt, die Propheten verspottet, ein Leben führt, in dem Gott vergessen wird. 49 Jahre dauert dann die Gefangenschaft derer, die einmal das Sagen in diesem Volke hatten. In den Jahren der Unterdrückung und Unfreiheit lernen manche wieder das Beten. Diese Zeit der Tränen wird eine Zeit der Läuterung. Der Glaube schenkt in der Fremde Zusammenhalt. In der Zeit der Machtlosigkeit lernt Israel die Völker ohne Gewalt für seinen Gott zu begeistern, sie um „seinen Gott“ zu sammeln. „Völker, die dich nicht kennen, eilen zu dir“ (Jes 55,5). Als der Perserkönig Kyrus Babel einnimmt und den Rest der Israeliten nach Jerusalem heimkehren lässt (538 v.Chr.), dann ist es nicht Kyrus von Persien, sondern Gott, der durch ihn wirkt und seinem Volk wieder Heimat schenkt. Hier werden geschichtliche Ereignisse als Rahmen für das Wirken Gottes gedeutet; sie machen Spuren Gottes sichtbar. Geschichtliche Ereignisse werden Glaubenserfahrung; menschliche Geschichte ist stets „gotthaltig“.

Für Israel ist Gott einer, der dafür sorgt, dass das Leben sich durchsetzt und zum
Blühen kommt, allen tödlichen Gefahren zum Trotz. Katastrophen werden zu Zeiten des Neubeginns. Mitten im Unheil ersteht Heil. Dadurch sollen auch uns die Augen geöffnet werden, wie Gott in unserem Leben wirksam sein kann. Geschichte wird zur Ermutigung für das Leben in der Gegenwart, wird ein Stachel gegen Müdigkeit und Resignation, wird ein Ruf zum Aufbruch in Neues. Letztlich ist nichts Zufall.

4. Rückblick ist stets Ausblick
Was durch diesen Bericht noch verdeutlicht werden soll, ist: jeder Rückblick wird zu einem Ausblick. Gott fesselt niemanden an die Fehler der Vergangenheit, sondern
er weist immer Wege in die Zukunft. Wie gefährlich es ist, sich an die Vergangenheit zu klammern, wird an der Geschichte von Lots Frau veranschaulicht (Gen 19,19-26). Lot und die Seinen sollten ohne zurückzuschauen das brennende Sodom und Gomorra verlassen, sollten sich nicht an Vergangenem festhalten, sollten nicht in der Vergangenheit weiterleben wollen. Wer das tut, wie die Frau Lots es tat, erstarrt zur „Salzsäule“. Ein Festhalten an der Vergangenheit lässt das Leben verkümmern, erstarren, nimmt ihm das Leben; nur das mutige Hineinschreiten in die Zukunft schenkt neues Leben.

Dem gläubigen Juden und damit auch uns sollte durch die Berichte und Erzählungen vermittelt werden: so verworren die Wege des auserwählten Volkes auch waren, so katastrophal manches für Israel auch ausging, so oft das Volk auch dachte: jetzt ist es aus, Gott hat uns im Stich gelassen: es ging dennoch immer weiter. Diese Erfahrung schenkte den Glaubenden die Zuversicht: dann wird es auch in Zukunft weitergehen. So ist letztlich das ganze Alte Testament von der ersten Seite an eine große Hoffnungsgeschichte, ein Glaubensweg in die Zukunft.

5. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: Leben in der Liebe Gottes
Dass Gott niemanden an die Fehler seiner Vergangenheit fesselt, sondern immer neu Wege in die Zukunft eröffnet, diese Botschaft verkündet uns heute auch die 2. Lesung und das Evangelium. Gott will, dass den Menschen das Leben in Fülle zu Teil wird. So schreibt Paulus im Brief an die Epheser: „Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünde tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht“ (Eph 2,4f). Gottes Liebe will Leben, nicht Tod; sie will retten, nicht richten. Das wird uns eindringlich im Evangelium gesagt: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17). Gott ist voller Leidenschaft den Menschen zugetan. Wer nun Gottes Liebe in sein Leben einlässt, dessen Leben geht in die richtige Richtung; der lebt richtig, „gerichtet“, und deswegen braucht er nicht mehr gerichtet zu werden.

Hier stehen wir an einem Kernpunkt christlichen Glaubens. Christsein beginnt und endet mit dem Glauben, dass der unendliche Gott jeden von uns Menschen unendlich liebt. Dieses mit dem Verstand zu bejahen, dürfte wohl nicht das Problem sein; diesen Satz aber zu leben, sich zu ihm in allen möglichen und unmöglichen Situationen des Lebens zu bekennen, das geht an die Grenze unseres Denkens und Fühlens. Gott findet jeden liebenswert: er sieht das Beste in ihm. Unsere Versuche zu lieben sind Stücke, Teile, Ansätze von seinem Leben in uns, das Liebe ist. Wohl keiner von uns wird vollkommen lieben, aber unser Bemühen, unsere Versuche sind schon die richtige Richtung.

So wird für uns heute der Rückblick in die Glaubensgeschichte von Juden und Christen zu einem Ausblick, zu einer Vorschau, zu einer Hoffnungsgeschichte. Was in der Zeit geschieht, gibt uns zu denken. Dieses Denken ist stets ein Nach-denken, ein Deuten im Nachhinein. Äußere Abläufe werden ins Geheimnis, ins Geheimnisvolle, zum Anfang, zu Gott zurückgeführt. So dürfen wir mit zuversichtlicher Gelassenheit auf unseren Lebensweg schauen: auch er wird aus der Gefangenschaft in die Freiheit, aus der Enge in die Weite führen (Ps 18), aus der Finsternis in das Licht, aus dem Tod in das Leben in Fülle. Unsere Zeit ist Anbruch des Reiches Gottes; in ihm wird allen Menschen die Nähe Gottes und die Gemeinschaft untereinander in Gott angeboten. Auf die Weltgeschichte geschaut kann die Globalisierung die Menschheit zu mehr Einheit zusammenwachsen lassen; sie kann ein weiterer Schritt in der Entfaltung des Reiches Gottes sein. So dürfen wir am heutigen Sonntag „Laetare“ in das Lied der Freude (Eröffnungsvers) einstimmen: „Freue dich, Jerusalem, freue dich Gemeinde NN... Seid alle fröhlich, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung“ (vgl. Jes 66,10-11).

 

P. Dr. Werner Prawdzik SVD