5. Fastensonntag (A)

Predigtimpuls

Berührt sein von der Barmherzigkeit Gottes

1. Lesung: Ez 37,12b-14
2. Lesung: Röm 8,8-11
Evangelium: Joh 11,1-45

Berührungen sind für unser Überleben genauso wichtig wie die Luft zum Atmen, oder Wasser zum Trinken. Wenn ein Baby auf die Welt kommt und niemand es berühren würde, wäre das Kind nicht wirklich lebensfähig. Deswegen werden kleine Kinder auch nicht müde, sich an ihre Eltern anzuschmiegen und mit ihnen zu kuscheln, um sich gleichsam ihrer Liebe zu vergewissern. Feinfühlige Eltern ihrerseits werden nicht aufhören, diese körperliche Zuwendung ihrer Sprösslinge zu erwidern. Ihre Liebe zum Kind scheint ebenso grenzenlos zu sein.

Auch Verliebte sind oft und gerne zärtlich im Umgang miteinander. Sich zu streicheln oder zu umarmen sind in der Regel sinnliche und auch sinnvolle Zeichen ihrer Zuneigung, die das vertrauensvolle Verhältnis zueinander stärkt. Die Fähigkeit allerdings, zu anderen Menschen diese tiefe und verbindliche Beziehung aufbauen zu können, ist auch davon abhängig, ob ich zu mir selbst in eine innige Beziehung treten kann; ob ich gleichsam mit mir in Berührung bin.

Eine ganz andere Art von Berührung schließlich findet bei jenen Fans statt, die bei der Premiere auf ihre Filmstars treffen oder ihre Fußballhelden beim Ausgang des Stadions erwarten. Wer einen Platz in der ersten Reihe ergattert hat, wird vermutlich die Arme ausstrecken, um ein Autogramm zu erhaschen, ein Foto zu machen oder gar die Hände des Idols zu schütteln. Selbst auf dem Petersplatz in Rom halten Menschen dem Papst immer wieder kleine Kinder entgegen, damit er sie in die Arme nehme. Es scheint fast so zu sein, dass man sich von Berührungen dieser Art eine gewisse Kraft erhofft, die auf das eigene Leben positiv übergeht.

Jesus hatte keine Angst, Menschen zu berühren und von ihnen berührt zu werden. So scheute er sich nicht, Kindern die Hände aufzulegen, um sie zu segnen. Er ließ es in aller Öffentlichkeit zu, sich von einer Frau die Füße salben zu lassen. Johannes, der Lieblingsjünger, durfte sich beim letzten Abendmahl an die Brust Jesu lehnen und Thomas konnte mit seinem Finger am Ostermorgen Jesu Seitenwunde berühren, um so zum Glauben zu kommen. Schließlich waren da die unzähligen Menschen, die sich durch die Berührung mit Jesus Heilung ihrer Gebrechen und Krankheiten versprachen. Im Markusevangelium heißt es etwa: „Weil Jesus schon so viele Kranke geheilt hatte, fielen die Leute geradezu über ihn her. Sie wollten wenigstens seine Kleider berühren, um dadurch gesund zu werden.“ (Mk 3,10)

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Christen, die in ihrem Leben selbst nicht wirklich von Jesus und seiner Botschaft in irgendeiner Weise berührt wurden, auch nur sehr schwer Gottes heilsame Berührung an andere weitergeben können. Oft sind das Menschen, die Regeln und Weisungen des kirchlichen Lebens genau beachten, aber wenig Gespür für den Mitmenschen entwickeln. Auf mich wirken sie eher kraftlos und leer.

Das Bild von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle – „die Erschaffung des Menschen“ – drückt etwas von der Beziehung zwischen Mensch und Gott aus: Gott, der schwungvoll im Sturmwind auf einer Wolke daherkommt, streckt seinen Arm dem Adam entgegen, der noch kraftlos und unberührt daliegt. Trotz all seiner menschlichen Schönheit fehlt es ihm am Wesentlichen. So streckt auch Adam seinen leblos wirkenden Arm nach Gott aus, um von ihm das Leben zu bekommen. Die sich annähernden Fingerspitzen der Beiden lassen ahnen, wie sehr Gott und Mensch diese Berührung wollen. Der Mensch, weil er ohne Gott nicht zum Leben findet. Gott, weil er sein Ebenbild liebt. Michelangelos Bild lässt mich fragen: Wie und wo strecke ich mich nach Gott aus in diesen Tagen vor Ostern? Wie nahe lass ich Gott in mein Leben?

Was Jesus uns zu Ostern wieder neu schenken will, ist seine lebensspendende Nähe und ein Leben in der Gewissheit, nicht allein zu sein, sondern fest verbunden mit ihm. Es gibt Menschen auch in unserem Lebensumfeld, die warten nur darauf, dass wir sie berühren. Ihnen einmal lobend auf die Schulter klopfen oder sie liebevoll in den Arm nehmen wirkt dann wahrscheinlich mehr, als nur ein lieb gemeintes Wort.

 

© P. Norbert Cuypers SVD
 
 
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